Was macht eine Ikone?

Die Fotos, die in der Geschichte der Fotografie eine große Rolle spielten und stilprägend wurden für eine ganze Generation von Fotografen, entstanden manchmal gezielt, manchmal eher zufällig. Sowohl Aufnahmen im journalistischen Kontext, als auch künstlerisch gestaltete Kompositionen bis hin zu Aktfotos wurden zu Ikonen der Fotografie

Mit der Verbreitung von fotografischen Bildern in sozialen Netzwerken scheinen der Erfolg eines Fotos und seine vermeintliche Qualität quantifizierbar zu sein, wenn man die Anzahl von Klicks der Betrachter einer Aufnahme im Internet zugrunde legt. Auch der Verkaufserlös einer Fotografie auf einer Auktion scheint ein Indiz für ihre Qualität zu sein. Aber klar ist auch, dass hier nicht künstlerische Kriterien oder die gesellschaftliche oder politische Relevanz einer Aufnahme eine Rolle spielen, sondern lediglich ihre mediale Aufmerksamkeit. Auf der einen Seite zählen massenweise Klicks und Follower, auf anderen Seite zählt die Seltenheit eines Objekts oder Kunstwerks, das im besten Fall ein Unikat ist.

Edward Weston: Kloschüssel, 1925
Edward Weston: Kloschüssel, 1925

Die fotografischen Sichtweisen wurden am Anfang des 20. Jahrhunderts von Fotografen wie Paul Strand, Albert Renger-Patzsch oder Edward Weston neu definiert. Was das Auge nicht sehen konnte, sah jetzt die Kamera. Nahaufnahmen von Maschinenteilen oder Formen der Natur lenkten den Blick auf bisher nicht beachtete Welten. Der US-amerikanisch Vater der modernen Fotografie Edward Weston fotografierte Paprikaschoten wie erotische Super-Models und nackte Frauen am Strand wie abstraktes Treibgut. Auch die Formen einer Kloschüssel reizten ihn. Der fotografische Blick auf die Welt war im Wandel und führte zu ganz neuen Sichtachsen und Perspektiven.

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts war die Häufigkeit der Publikation einer fotografischen Aufnahme in möglichst vielen Zeitungen und Zeitschriften ein wichtiges Kriterium für den Status „Ikone“, wobei Titelbilder auf Illustrierten Zeitschriften besonders hoch im Kurs standen. Die meisten ikonischen Aufnahmen entstanden und entstehen auch heute noch im journalistischen Kontext und greifen tagesaktuelle gesellschaftliche und politische Themen auf. Die höchsten Auszeichnungen für Fotojournalisten sind seit 1942 der Pulitzer Price for Photograhy und der seit 1955 jährlich vergebenen World Press Photo Award.

Ikonen der Fotografie (von der KI neu interpretiert)

Die folgende, persönliche Liste beschränkt sich auf Aufnahmen des „analogen Zeitalters“ hauptsächlich aus dem 20. Jahrhundert. Die Bildbeispiele wurden durch eine KI  (ChatGPT, Adobe Firefly) neu interpretiert.

Gordon Parks: American Gothic, 1942

Im August 1942 entstand Gordon Parks berühmteste Aufnahme: American Gothic, das Porträt der Putzfrau Ella Watson in der FSA. Als erster farbiger Fotograf für das Nachrichtenmagazin Life dokumentierte Parks soziales Unrecht vor allem der afroamerikanischen Population der USA. 

Ein Mann, der nie als Fotograf gearbeitet hat, machte 1968 eins der bekanntesten Fotos der Menschheitsgeschichte „Earthrise“. Das Foto wurde aufgenommen von Bord der NASA-Mission Apollo 8 vom Astronauten William Anders bei einer Mondumkreisung. Da diese NASA-Mission den Mond nur umkreiste, ohne auf ihm zu landen, ging sein Name nicht in die Geschichtsbücher ein. Das Bild aber wurde eins der am häufigsten publizierten Fotos überhaupt und zu einer Ikone der frühen Umweltbewegung. Anders kommentierte: „Wir flogen hin, um den Mond zu entdecken. Aber was wir wirklich entdeckt haben, ist die Erde.“

Das Porträt von Che Guevara wurde 1960 vom kubanischen Fotografen Alberto Korda in Kuba bei einer Trauerfeier aufgenommen. Nach der Ermordung Guevaras 1967 wurde die Aufnahme von einer Zeitung wiederentdeckt und in zahlreichen Medien weltweit abgedruckt. Es wurde zu einem Emblem der Studentenrevolten der 1968er Jahre.

Der US-amerikanische Fotograf Dennis Stock machte 1955 eine Reportage über den jungen Schauspieler James Dean bei einem Aufenthalt in New York. Diese Aufnahmen wurden zu Ikonen der Fotografie, da der Schauspieler noch im selben Jahr bei einem Autounfall ums Leben kam.

Die US-amerikanische Fotografin Dorothea Lange arbeitete 1936 für die Behörde der Farm Security Administration FSA, um das Elend der Farmarbeiter zu dokumentieren. Ihre Aufnahme einer verzweifelten Mutter mit ihren Kindern in einem Erbsenpflückerlager wurde legendär.

Erwin Blumenfeld war ein amerikanischer Fotograf deutsch-jüdischer Herkunft aus Berlin und in den 1940er und 1950er Jahren einer der weltweit gefragtesten und teuersten Porträt- und Modefotografen. Seine oft surreal anmutenden, farbigen Modefotos für die Zeitschrift Vogue waren in den 1950er Jahren legendär.

Der US-amerikanische Fotograf Man Ray wurde in den 1920er und 1930er Jahren zu einem wichtigen Innovator der Fotografie in Paris. Als surrealistischer Künstler entfernte er seine Motive immer weiter von der Realität.

Liste der Ikonen der Fotografie

Meine persönliche Liste der Ikonen der Fotografie:

  • Earthrise – fotografiert vom NASA Astronauten William Anders, 1968
  • Alfred Stieglitz – The Steerage, 1907
  • Adolphe de Meyer – Blumen Stillleben, 1910
  • Edward Steichen – The Pond/Moonlight, 1904
  • Dorothea Lange – Migrant Mother, eins der am häufigsten publizierten Fotos der Geschichte, 1936
  • Walker Evans – Bud Fields and His Family, Alabama, 1936
  • Gordon Parks – American Gothic oder die Putzfrau Ella Watson, 1942
  • Paul Strand – White Fence als Symbol der amerikanischen Gesellschaft, 1916
  • Herbert Bayer – Lonely Metropolitain, 1938
  • Alvin Coburn – The Octopus, der Beginn der „modernen“ Fotografie, 1909
  • Bill Brandt – Porträt Francis Bacon in London, 1963
  • André Kertész – Gabel, 1928
  • Man Ray – Le violin d’Ingres, 1926
  • Edward Weston – Aktfotografie, 1927
  • Lennart Nilsson – Foto eines menschlichen Embryos, 1965
  • Diane Arbus– Boy with toy hand grenade in Central Park N.Y.C., 1962
  • Margaret Bourke-White – The Living Dead of Buchenwald, 1945
  • Robert Capa – Invasion in der Normandie am D-Day, 1944
  • Henri Cartier-Bresson – derrière la gare St. Lazare, 1932
  • Bruce Davidson – The Dwarf, 1958
  • Robert Doisneau – Kuss vor dem Rathaus von Paris, 1950
  • Alfred Eisenstaedt – Siegesfeier in New York, 1945
  • Elliott Erwitt – Paris, 1989
  • Robert Frank – Unabhängigkeitstag in New York, 1958
  • William Klein – New York, 1955
  • Don McCullin, Zypernkonflikt, 1963
  • Marc Riboud – Friedensbewegung Washington, 1967
  • Willy Ronis – Le petit Parisien, 1952
  • W. Eugene Smith – Two children leaving the wood, 1950
  • Dennis Stock – Der Schauspieler James Dean in New York, 1955 (kurz vor seinem Unfalltod)
  • Weegee – Verhaftung in New York, 1943
  • Nickolas Muray – Bademoden, erstes Farbfoto in einer Zeitschrift, 1931
  • William Eggleston – Rotes Zimmer,  Ikone der frühen Farbfotografie, 1973
  • Ernst Haas – Images of a Magic City, 1953
  • Saul Leiter – Impressionen aus New York, 1955
  • Richard Avedon – Dovima with elephants, 1955
  • Erwin Blumenfeld – Nude under wet Veil, 1936
  • Horst P. Horst – The Mainbocher Corset, 1945
  • Schuhe und Eiffelturm von Frank Horvat, 1974)
  • Peter Lindbergh – White Shirts-Serie mit Linda Evangelista, Christy Turlington, Rachel Williams, Karen Alexander, Tatjana Patitz und Estelle Lefébure, 1988
  • Helmut Newton – Big Nudes, 1980
  • Herb Ritts – Fred with Tires, 1980
  • Albert Watson – Porträt Andy Warhol, 1985
  • Alberto Korda – Porträt von Che Guevara „Guerillero Heroico“, Ikone der 1968er, 1960
  • Philippe Halsman – Salvadore Dali, 1948
  • Annie Leibovitz – Whoopi Goldberg in der Badewanne, 1984
  • Steve McCurry – Afghanisches Mädchen, 1984
  • Sebastiao Salgado – Brennende Ölquellen in Kuwait, 1990
  • Stephen Shore – Chevron Tankstelle, 1975
  • Andreas Gursky, 99 Cent Shop, 1999