Was macht ein gutes Foto?

Mit der Verbreitung von fotografischen Bildern in sozialen Netzwerken scheint die Qualität eines Fotos quantifizierbar zu sein, wenn man die Anzahl von Klicks der Betrachter der Aufnahme im Internet zugrunde legt. Auch der Verkaufserlös einer Fotografie auf einer Auktion scheint ein Indiz für ihre Qualität zu sein. Aber klar ist auch, dass hier nicht künstlerische Kriterien oder die gesellschaftliche oder politische Relevanz einer Aufnahme eine Rolle spielen, sondern lediglich ihre mediale Aufmerksamkeit.

Der US-amerikanische Fotograf Eddie Adams sagte einmal:

„Wenn es dich zum Lachen bringt, wenn es dich zum Weinen bringt, wenn es dir das Herz zerreißt, dann ist es ein gutes Foto.“

Die fotografischen Sichtweisen wurden in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts von Fotografen wie Paul Strand, Albert Renger-Patzsch oder Edward Weston neu definiert. Was das Auge nicht sehen konnte, sah jetzt die Kamera.

Edward Weston: Kloschüssel, 1925
Edward Weston: Kloschüssel, 1925

Nahaufnahmen von Maschinenteilen oder Formen der Natur lenkten den Blick auf bisher nicht beachtete Welten. Edward Weston fotografierte Paprikaschoten wie erotische Super-Models und nackte Frauen am Strand wie abstraktes Treibgut. Der fotografische Blick auf die Welt war im Wandel und führte zu ganz neuen Sichtachsen und Perspektiven.

Was heute auf Instagram und anderen sozialen Netzwerken an Selbstdarstellungsorgien stattfindet, sah der Fotograf Slim Aarons bereits in den 1980er Jahren voraus:

„Ein gutes Foto ist nichts anderes als ein Bild von attraktiven Menschen, die an attraktiven Orten attraktive Dinge tun“.

Technische Aspekte einer „guten“ Fotografie

Seit den 1970er Jahren arbeiten Kameras zunehmend automatisch. Heute macht sich kaum noch jemand Gedanken über die Einstellungen und Funktionen seiner Kamera, die sich meist in einem Smartphone befindet. Fokus, Blendeneinstellungen, Belichtungszeit oder Lichttemperatur werden automatisch eingestellt.

Trotz der zunehmenden Automatisierung hat sich seit 200 Jahren nichts Grundlegendes an den technischen Qualitätsfaktoren bei der Entstehung einer fotografischen Aufnahme geändert. Jedes Element einer Kamera, das an einer Aufnahme beteiligt ist, hat seinen spezifischen Einfluss auf die technische Qualität der fotografischen Abbildung:

  • Die abbildende Optik sollte über eine hohe Auflösung und Lichtstärke verfügen und frei sein von Abbildungsfehlern. Die Schärfe sollte über das gesamte Bildfeld gleich hoch sein.
  • Das lichtempfindliche fotografische Aufnahmematerial sollte für alle Wellenlängen des sichtbaren Lichtspektrums gleichermaßen empfindlich sein und über eine hohe Licht-empfindlichkeit und Detailauflösung verfügen.
  • Je größer desto besser. Je größer das Aufnahmeformat ist, desto qualitativ bessere und schärfere Drucke können von den Aufnahmen angefertigt werden, eine Regel, die auch noch im digitalen Zeitalter für die Digitalsensoren gilt.
  • Der Verschluss sollte eine breite Möglichkeit an Verschlusszeiten ermöglichen, zum Beispiel von mehreren Sekunden bis zu 1/1000 s oder kürzer. Eine kurze Belichtungszeit friert schnelle Bewegungen ein.
  • Die Blende steuert die Lichtmenge und die Schärfentiefe der Aufnahme, zum Beispiel wenn der Porträtierte scharf und der Hintergrund unscharf sein soll.
  • Eine nachträgliche Bildbearbeitung optimiert den Bildausschnitt, den Kontrast, die Farbe und die Belichtung. Schlecht belichtete Motive werden elektronisch aufgehübscht. Ungewolltes wird durch Retusche aus den Aufnahmen entfernt.
  • Für die Betrachtung des Fotos muss ein geeignetes Medium als Bildträger gewählt werden. Bei Fotopapier spielen die Struktur und die Oberfläche ein wichtige Rolle, bei Bildschirmen die Größe, Auflösung und Kontrast.

Der Zweck der Fotografie

Die meisten Fotos entstehen eher spontan und ohne Zweckbestimmung. Es sind Schnappschüsse, die einen Moment festhalten sollen. Künstlerische Kriterien, Diskussionen über Komposition, Kontrast und Ausleuchtung greifen hier nicht.

Der Verwendungszweck von Fotografien war einem ständigen Wandel unterworfen. Die ersten Porträts wurden in Fotoalben gesammelt und dienten rein privaten Zwecken. Am Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Fotografie als Kunstwerk entdeckt und schmückte die Wände von Wohnungen und Galerien. Fotografie wurde zunehmend öffentlich und für alle sichtbar. Auch Zeitungen druckten am Anfang des 20. Jahrhunderts hin und wieder fotografische Aufnahmen zu wichtigen lokalen Ereignissen.

Illustrierte Zeitschriften, Nachrichtenmagazine und Modemagazine wurden insbesondere in den 1930er Jahren ausgehend von den USA sehr populär. Insbesondere Magazine wie Life und Look setzten auf die Fotografie als zentrales Element. Fotografie wurde allgegenwärtig und überall sichtbar. Auch Kunstmuseen, Galerien und Vereine veranstalten jetzt Fotoausstellungen. In der großen der Zeit der journalistischen Pressefotoagrafie starteten in den 1950er Jahren weltweit zahlreiche neue Magazine, die auf die Fotografie als wichtiges Kommunikationsmittel setzten.

Spätestens seit den 1970er Jahren hat die Fotografie alle Ebenen des täglichen Lebens durchdrungen, von privaten, fast intimen Aufnahmen, über berufliche und wissenschaftliche Anwendungen von der Tatortfotografie zur medizinischen Analyse, bis hin zu vielfältigen künstlerischen Ausdrucksformen unter Einbeziehung fotografischer Abbildungen, wobei auch die Sofortbildfotografie eine wichtige Rolle spielte.

Die Bedeutung der Fotografie

In dem Augenblick, in dem etwas fotografiert wird, verändert sich seine Bedeutung. Jedes auch noch so unscheinbare Motiv kann ein Zeitdokument werden und im Kontext seiner Entstehung einen historischen Moment oder ein nicht wiederholbares Ereignis festhalten.

Fotos sollen Aufmerksamkeit erzeugen. Das Repertoire der Bildsprache ist groß. Komposition, Farbe, Format, Größe, Bildausschnitt, Unschärfe, Blickrichtung sind gängige Gestaltungsmittel der Fotografie. Begleitende Texte können helfen, eine Fotografie zu verstehen. Andere Fotos stehen textlos für sich oder werden in Serien präsentiert. Im Kontext mit anderen Fotos können sich fotografische Erzählungen entwickeln.

Robert Capa: D-day-landings, Omaha Beach, Normandy, 1944
Robert Capa: D-day-landings, Omaha Beach, Normandy, 1944

Um ein Foto zu verstehen, muss der Betrachter den zeitlichen, kulturellen und historischen Zusammenhang der Aufnahme kennen. Erst in diesem Kontext erschließt sich der Sinn und Zweck, sowie die Bedeutung einer Aufnahme. Ein gutes Beispiel ist Robert Capa’s unscharfe Aufnahme von der Landung der Alliierten Truppen in der Normandie von 1944 (▲), die zu einem wichtigen Zeitdokument wurde. Ein praktischer Hinweis kommt von Robert Capa selbst, der meinte:

„Wenn deine Bilder nicht gut genug sind, dann warst du nicht nah genug dran.“

Manipulierte Fotografie

Der Fotograf – egal ob er digital oder analog arbeitet – kann jeden Teil der Bildentstehung beeinflussen, von der Aufnahme durch die Wahl der Kamera, des Objektivs, des Bildausschnitts, der Belichtungszeit oder der Blende, über grafische Effekte bis hin zu aufwändigen Druckverfahren auf hochwertigen Fotopapieren.

Auch das fotografierte Objekt kann arrangiert und in Szene gesetzt werden. Bei der Aufnahme können technische Hilfsmittel wie künstliche Beleuchtung die Bildgestaltung und Bildqualität beeinflussen. Anschließend wird das Foto solange bearbeitet bis alle ungewünschten Bildteile entfernt sind und Kontraste und Farben ihre beste Wirkung entfalten.

Der amerikanische Fotograf Edward Steichen stellte schon vor 100 Jahren fest:

„Tatsächlich ist jedes Foto von A bis Z eine Fälschung. Ein völlig sachliches, unmanipuliertes Foto ist praktisch nicht möglich. Letzten Endes bleibt es allein eine Frage von Maß und Können.“

Dies galt damals schon und gilt im digitalen Zeitalter und mittlerweile mit den Möglichkeiten der Künstlichen Intelligenz umso mehr.

Der Blick des Fotografen

Natürlich kann das interessante Motiv auch nur einfach da sein und muss nur noch vom Fotografen „abgeknipst“ werden. Was einen guten Fotografen auszeichnet, ist, dass für ihn das Bild zunächst im Kopf entsteht und er es spontan umsetzt, indem er im richtigen Augenblick nur noch den richtigen Blickwinkel und die richtige Perspektive wählen muss.

Die Sichtweisen und Blickwinkel der Fotografie entwickelten sich mit neuen technischen Rahmenbedingungen von der starren horizontalen Perspektive mit dem direkten Blick auf die rückseitige Mattscheibe der Kamera, über die Bauchnabelperspektive der ersten Spiegelreflexkameras mit dem von oben einsehbaren Sucherbild, zur Wahrnehmung auf Augenhöhe mit Sucherkameras. Heute werden Smartphones zum Fotografieren in jede Richtung geschwenkt oder hochgehalten. Ein kontinuierlicher Perspektivwechsel, der die Wahrnehmung der Fotografie entscheidend mitprägte, vom verschämten und diskreten Blick nach unten zur offensiven Jagd nach dem besten Schnappschuss.