Die Fotografie nach der Fotografie, die Postfotografie, ist in der Gegenwart angekommen. Intelligente Maschinen erzeugen Bilder, die aussehen wie Fotografien. Eine Textbeschreibung reicht aus, um beliebige Darstellungen zu erzeugen.
Die Künstliche Intelligenz hat in den 2010er Jahren begonnen, die Fotografie in vielfältiger Weise zu verändern, zunächst in der Bildbearbeitung und Bildverbesserung in Computern und später auch in Smartphones. Zunehmend wichtig werden Themen wie automatisierte Fotografie, Objekt- und Gesichtserkennung, generative Verfahren zur Bilderzeugung und der virtuelle und erweiterten Realität.
Bei der Bildmanipulation kann generative KI auch dazu verwendet werden, um bestehende Fotos zu manipulieren oder neue Elemente hinzuzufügen. Dies kann in der Werbung, im Film und in der Kunst verwendet werden, um spezifische Szenen oder Effekte zu erzeugen.

Auch die oft automatisch erfolgende Bildverbesserung, die in jedem Smartphone stattfindet, entfernt die fotografische Abbildung zunehmend von der Realität. Ein grauer Himmel wird blau, ein faltiges Gesicht wird glatt gebügelt. Störende Gegenstände oder Personen werden aus Fotos entfernt.
Die Generative KI geht über die reine Bildbearbeitung hinaus und generiert über mathematische Algorithmen fotografische Abbildungen, oder – besser gesagt – Abbildungen, die aussehen wie Fotografien. Mit dem Einsatz Künstlicher Intelligenz für die Erzeugung von Abbildungen, die wie Fotos aussehen, wurde die Kamera überflüssig.
Die Nutzung generativer KI wirft ethische Fragen und Herausforderungen im Bereich des Urheberrechts auf. Wer ist der Urheber eines von KI generierten Bildes? Wie können wir sicherstellen, dass generative KI verantwortungsvoll eingesetzt wird? Insgesamt bietet generative KI ein enormes Potenzial, die Fotografie und verwandte visuelle Künste zu revolutionieren. Durch den Einsatz von KI werden die Möglichkeiten der Fotografie ins Unendliche erweitert.

Ein Porträtfotograf würde nicht auf die Idee kommen, einen nicht existierenden Menschen zu fotografieren. Die KI schafft Bildnisse von fiktiven Persönlichkeiten in jedem erdenklichen Kontext und beliebigen fotografischen Stilen. Text basierte Programme wie Firefly oder ChatGPT machen das Arbeiten mit generativer KI für jeden anwendbar. Seltsam ist es natürlich schon, ein Fotoalbum mit nicht existierenden Menschen.
KI generierte Porträts haben bereits Fotowettbewerbe gewonnen. Im April 2023 gewann der deutsche Fotokünstler Boris Eldagsen den renommierten Sony World Photography Awards 2023 in der Kategorie „Kreativ“ mit einem Porträt, das zwei Frauen zeigt. Sein preisgekröntes „Foto“ hatte er aber nie aufgenommen sondern mit KI generiert.

Der Begriff „echtes Foto“ ergibt in Zeiten der Künstlichen Intelligenz keinen Sinn mehr. Mit Hilfe der generativen KI werden auf Basis von Milliarden aufgenommener Bilder Darstellungen erzeugt, die aussehen sollen wie echte Fotos. Wer für seine Reiseplanung einen ChatBot benutzt, erhält manchmal verwirrende Bilder. Auf einmal hat die Frauenkirche in München drei Türme.
Ein generatives Bild verleitet uns dazu, einer synthetischen Darstellung eine bestimmte Aussage und Wirkung zuzuschreiben. Aber es ist nur eine willkürliche Zusammensetzung aus typischen Merkmalen, die die KI in Millionen von Bildern gefunden hat.

Die Fotografie als „Zeuge der Wahrheit“ ist obsolet. Der katalanische Fotograf Joan Fontcuberta argumentiert, dass die Fotografie spätestens im Zeitalter digitaler Bildmanipulation, insbesondere durch KI, ihren Status als „Beweismittel“ verloren hat. Dies untergräbt das traditionelle Vertrauen in die Fotografie als Medium der Dokumentation. Fontcuberta spricht schon seit Jahren von der Postfotografie – einem Zustand, in dem Bilder nicht mehr primär aufgenommen, sondern generiert und manipuliert werden. KI generierte Bilder sind für ihn ein logischer nächster Schritt in dieser Entwicklung. Die Rolle der Kamera wird abgelöst durch Algorithmen und Datenmodelle.
In der Geschichte der Fotografie war nur das, was fotografisch festgehalten wurde, real. Die fotografischen Bilder ersetzten in der öffentlichen Wahrnehmung die Realität. Auch hier galt schon immer: was nicht fotografiert worden ist, hat nicht stattgefunden oder nie existiert.

Was als real erlebt wird und was „authentisch“ wirkt, beruht auf überzeugenden Details und damit auf einer Reihe von Konventionen. Ein Deepfake spielt mit der Idee, dass virtuell Gemachtes durch häufige Wiederholung real erscheint und eine Art Gewissheit erlangt. Die Bilder, die am weitesten verbreitet sind, sind nicht die „realsten“, sondern diejenigen, die auf Aufmerksamkeit optimiert sind. Die Bekanntheit des Bildes wird zu seinem Hauptkontext, wenn nicht sogar zum „realen“ Objekt und überlagert die Darstellung im Bild. Die Realität liegt in der Verbreitung, nicht im Ereignis.
Zwei Bildwelten stehen sich gegenüber, auf der einen Seite die Fotografie mittels Kamera, auf der anderen die Bilderzeugung mittels Computer, hier das Lichtbild, dort das mit Hilfe von Algorithmen generierte Datenbild. Mit dem Übergang vom Lichtbild zum Datenbild, wird der Autor überflüssig.
Authentische Fotografie, die die Welt möglichst unverfälscht wiedergibt, wird wohl auch weiterhin ihre Berechtigung haben, überall dort, wo dokumentarisch über Themen berichtet werden soll, von Ereignissen im privaten Umfeld über Umweltberichterstattungen bis hin zu Reportagen über reale Menschen und ihre sozialen und gesellschaftlichen Konflikte.
