Was ist Fotografie?

Eigentlich ist über Fotografie schon alles geschrieben worden. Alle Aspekte der Fotografie sind beleuchtet, alle fotografischen Stile ergründet und Perspektiven gewechselt worden.

Menschen lieben Bilder. Bilder als Dekoration, zu spirituellen oder Propaganda Zwecken begleiten die Geschichte der Menschheit. Der Schritt von der Höhlenzeichnung oder einem Gemälde zur Fotografie war ein historischer Meilenstein. Die Erfindung der Fotografie, ihre weltweite Verbreitung und ihr Höhenflug im Internetzeitalter als unverzichtbares Kommunikationsmedium machte die Fotografie schließlich zum selbstverständlichen Teil unseres Alltags.

Die Entwicklung der Fotografie zum wichtigsten Kommunikationsmedium

Die Fotografie – jeder stellt sich unter Fotografie etwas anderes vor. Fotografie ist mittlerweile nur noch ein Oberbegriff für eine bestimmte Art von Bildern, Techniken oder Stilen. Jeder fotografiert. Jeder fotografiert jederzeit und alles. Jedes Foto ist sofort weltweit für jedermann verfügbar. Die Fotografie als Schlüsselerfindung ermöglicht eine alles umfassende visuelle Kommunikation nach dem Motto:

„Die Fotografie ist die einzige Sprache, die überall auf der Welt verstanden wird.“

Die technische Entwicklung der Fotografie seit der Veröffentlichung der ersten Verfahren im Jahr 1839 hat die Grenzen des Machbaren stetig erweitert, alle qualitativen und technischen Herausforderungen gemeistert und die Fotografie schließlich jedem zugänglich gemacht. Zunächst waren es Fortschritte in der Optik, der Feinmechanik und der Chemie, die neue Industriezweige begründeten. Die Digitalisierung brachte schließlich elektronische Bauelemente, schnelle Netzwerke und Software Entwicklungen bis hin zur künstlichen Intelligenz.

Per Definition ist eine Fotografie ein durch die Einwirkung von Licht entstandener Helligkeitsabdruck, der proportional zur Lichtmenge auf einer lichtempfindlichen Oberfläche durch einen chemischen Prozess festgehalten oder mit Hilfe von Fotosensoren elektronisch als Helligkeitswert gespeichert wird. Mit Hilfe einer abbildenden Optik in einer Kamera bildet das entstandene Helligkeitsmuster ein fotografisches Bild.

Fotos sind prinzipiell im Moment des Entstehens fertig, ein wichtiger Unterschied zum Werk eines Künstlers, das durch einen gestalterischen und konzeptionellen Entstehungsprozess zustande kommt.  Mit der weltweiten Verbreitung der ersten fotografischen Verfahren in den 1840er Jahren entbrannte schnell eine Diskussion über ihre Bedeutung für die Menschheit. Für die Einen war die Fotografie ein technisches Verfahren zur Inventarisierung der Wirklichkeit, also ein Dokument. Für die Anderen war das fotografische Bild vollkommen subjektiv, der Fotograf daher ein Künstler, der manipulativ mit den Elementen der Wirklichkeit komponiert und sie sich aneignet, um sich auszudrücken.

Arthur Rothstein 1937
Sozialdokumentarische Fotografie: Arthur Rothstein, 1937

Fotos haben vor allem eine konkrete Bestimmung, von der ihre Form, Größe und Qualität abhängt. Diese meist objektive Zweckbestimmung macht den Unterschied, ob ein Foto für das Archiv, das Familienalbum oder zur Veröffentlichung bestimmt ist, ob es als Werbeplakat, als repräsentatives Bild über dem Kamin oder als Porträt auf einem Grabmal dienen soll. Man macht ein Foto nicht um des Fotos willen, sondern man bestimmt es im Voraus für eine Person, einen Zweck, eine Funktion, kurz man verfolgt eine Absicht, die erreicht werden soll oder auch nicht.

Eine Fotografie kann in der Regel beliebig oft ohne Qualitätsverlust vervielfältigt werden, früher als Abzug von einem Negativ oder Abdruck in Büchern und Zeitschriften, heute als digitale Kopie, die sogar zeitgleich von Millionen von Internet Nutzern gesehen werden kann. Und doch hält jede fotografische Aufnahme einen einzigartigen Moment fest, der sich nicht wiederholen lässt und für immer weg ist. Auch wenn der Eiffelturm bereits millionenfach fotografiert wurde, ist doch jede Aufnahme ein Unikat. Die Fotografie enthüllt die Bedeutung des Zufälligen und macht Dinge sichtbar, die sonst ungesehen geblieben wären. 

Eadweard Muybridge: Bewegungsabläufe als Vorläufer der bewegten Bilder des Kinos, 1878
Eadweard Muybridge: Bewegungsabläufe als Vorläufer der bewegten Bilder des Kinos, 1878

Die Fotografie veränderte dauerhaft den Blick der Menschen auf die Welt und erweiterte ständig die Grenzen des Sehbaren und des Zeigbaren. Gleichzeitig hat die Erfindung der Fotografie Künstler, Ingenieure, Erfinder und Amateure geradezu angestachelt, sich mit ihr zu beschäftigen und sie technisch und bildnerisch weiterzuentwickeln. Die Erfindung des Kinos als wichtigste Anwendung ging direkt aus der Fotografie hervor.

Vor der Verbreitung des Fernsehens waren es fotografische Bilder, die den Menschen die Welt erschlossen. Im 19. Jahrhundert war es die Faszination für orientalische Kulturen oder Naturaufnahmen aus bislang unerschlossenen Gebirgsregionen, also Gebieten, die für den Durchschnittsbürger damals unerreichbar waren. Im 20. Jahrhundert folgten dann realistische Kriegsberichte und Reportagen über Menschen am Rande der Gesellschaft, ebenso wie inszenierte Berichterstattungen über Stars und Mode, bis hin zu sensationshaften Bildern von menschlichen Embryos, der Mondlandung oder zerstörten Naturlandschaften.

Die Entwicklung der Fotografie war immer auch eine Spiegelung der gesellschaftlichen und künstlerischen Bewegungen der jeweiligen Zeit. Sie hat sich von einer technischen Neuerung zu einer Kunstform entwickelt, die von der Realität bis zur digitalen Manipulation alle Facetten der Wahrnehmung abdeckt. Heute stellt sich niemand mehr die Frage, was Fotografie eigentlich ist, ob Fotografie nur ein automatisierter Vorgang der Bilderzeugung oder Kunst ist, ob eine Fotografie nur ein banales Dokument ist oder ins Museum gehört. Dieses Zusammenspiel machte die Fotografie zu dem was sie heute ist, zum integralen Bestandteil unseres Lebens und zum wichtigsten Kommunikationsmittel unserer Zeit. 

In dem Augenblick, in dem etwas fotografiert wird, verändert sich seine Bedeutung. Jedes auch noch so unscheinbare Motiv kann ein Zeitdokument werden und im Kontext seiner Entstehung einen historischen Moment oder ein nicht wiederholbares Ereignis festhalten.

Fotos sollen Aufmerksamkeit erzeugen. Das Repertoire der Bildsprache ist groß. Komposition, Farbe, Format, Größe, Bildausschnitt, Unschärfe, Blickrichtung sind gängige Gestaltungsmittel der Fotografie. Begleitende Texte können helfen, eine Fotografie zu verstehen. Andere Fotos stehen textlos für sich oder werden in Serien präsentiert. Im Kontext mit anderen Fotos können sich fotografische Erzählungen entwickeln.

Bedeutung der Fotografie im digitalen Zeitalter

Seit der Jahrtausendwende haben digitale Verfahren für die Erstellung von fotografischen Abbildungen die historischen analogen Materialien auf Silberbasis abgelöst. Aber nicht hier liegt der fundamentale Umbruch in der Fotografie. Das wirklich Neue ist die Art der Verbreitung und Verwertung fotografischer Aufnahmen im Internet. Der Film als Aufnahmematerial wurde von Digitalsensoren und das Papierbild wurde vom Bildschirm abgelöst. Die Fotografie wurde gewissermaßen dematerialisiert. Die Aufnahme, die Verarbeitung und das Betrachten der Aufnahmen erfolgen in virtuellen Räumen in den Abgründen des Internets. 

Mit der Verbreitung von fotografischen Bildern in sozialen Netzwerken wird der Erfolg eines Fotos und seine vermeintliche Qualität quantifizierbar, wenn man die Anzahl von Klicks der Betrachter einer Aufnahme im Internet zugrunde legt. Auch der Verkaufserlös einer Fotografie auf einer Auktion scheint ein Indiz für ihre Qualität zu sein. Aber klar ist auch, dass hier nicht künstlerische Kriterien oder die gesellschaftliche oder politische Relevanz einer Aufnahme eine Rolle spielen, sondern lediglich ihre mediale Aufmerksamkeit.

Fotografie als Oberbegriff wird auch auf digitale Verfahren angewendet, genauso wie auf Bilder, die mit Verfahren der generativen künstlichen Intelligenz erzeugt wurden. Eine klare Abgrenzung des Begriffs Fotografie existiert nicht. Man spricht manchmal von der Postfotografie, obwohl die fotografierten Inhalte und Themen dieselben geblieben sind. Nur die Art der Entstehung der Bilder, ihre Wiedergabe und ihre Verwendung haben sich geändert.