Warum war Schwarzweiß so toll?

Bis weit in die 1970er Jahre hinein fand die Fotografie vor allem in Schwarzweiß statt. Die Ikonen der künstlerischen Fotografie, der Reportagefotografie, der Porträtfotografie oder der Modefotografie werden bis heute mit schwarzweißen Aufnahmen assoziiert.

Der Schweizer Reportagefotograf Robert Frank sagte einmal:

„Schwarz und Weiß sind die Farben der Fotografie. Für mich symbolisieren sie die Alternativen von Hoffnung und Verzweiflung, denen die Menschheit für immer ausgesetzt ist.“

Die Schwarzweißfotografie war künstlerisch anerkannt und Fotoausstellungen, Fotobücher und Museen konzentrierten sich lange Zeit auf Schwarzweißfotos von bekannten Fotografen wie Ansel Adams, Attar Abbas, Diane Arbus, Richard Avedon, Bill Brandt, Henri Cartier-Bresson, Robert Capa, Robert Doisneau, Walker Evans, Robert Frank, Philippe Halsman, Yousuf Karsh, André Kertész, Peter Lindbergh, George Platt Lynes, Don McCullin, Man Ray, Albert Renger-Patzsch, Herb Ritts, Willy Ronis, Edward Weston, Sebastião Salgado, August Sander, Paul Strand oder (Ascher Fellig) Weegee. Dies erzeugte einen sich selbst verstärkenden Effekt. Jeder Pressefotograf, Porträtfotograf oder Modefotograf, der von Aufträgen leben musste, bot seine Aufnahmen ebenfalls in Schwarzweiß an. Die Nachfrage nach farbigen Aufnahmen im professionellen Bereich blieb lange Zeit gering, obwohl die Farbfotografie für Hobbyfotografen bereits seit den 1960er Jahren Standard war.

Adolphe de Meyer: Werbeaufnahme, 1927
Adolphe de Meyer: Werbeaufnahme, 1927

Der Reiz der Schwarzweißfotografie lag und liegt – auch im digitalen Zeitalter – in einer Mischung aus Ästhetik, Reduktion und Tradition. Ohne die Ablenkung durch Farbe werden Licht und Schatten, ebenso wie Kontraste stärker betont. Strukturen, Formen und Oberflächen treten deutlicher hervor. Schwarzweißbilder wirken oft klassisch und elegant. Sie sind weniger an eine Mode oder Zeit gebunden und erzeugen dadurch eine gewisse Zeitlosigkeit und künstlerische Tiefe. 

Vom kanadischen Fotografen Ted Grant stammt ein berühmtes Zitat:

„Wenn man jemanden in Farbe fotografiert, dann fotografiert man seine Kleidung. Wenn man jemanden in Schwarzweiß fotografiert, fotografiert man seine Seele.“

Die Schwarzweißfotografie ist daher kein nostalgisches Relikt, sondern ein bewusster fotografischer Stil, der auch im digitalen Zeitalter kreative Möglichkeiten eröffnet. Aus einem Farbfoto nachträglich ein Schwarzweiß Bild zu machen, wird den Anforderungen an eine gute Schwarzweißfotografie nicht gerecht. Ein gutes Schwarzweißbild muss schon bei der Aufnahme in schwarzweiß gedacht werden.

Fotolabor, wie es bis in die 1990er Jahre in der analogen Fotografie verwendet wurde
Fotolabor für die Schwarzweißverarbeitung

Das konsequente Festhalten der meisten professionellen Fotografen an der Schwarzweiß Fotografie bis weit in die 1980er Jahre hinein hatte auch ganz praktische Gründe. Schwarzweiß konnte der Fotograf im eigenen Fotolabor selber verarbeiten und hatte damit die Möglichkeit, die Qualität, den Kontrast und  auch die Wahl der Fotopapiere selber zu bestimmen. Außerdem waren Schwarzweiß Materialien deutlich günstiger als Farbfilme, deren Verarbeitung in spezialisierten Laboren durchgeführt werden musste.

Die Schwarzweißmaterialien waren im 20. Jahrhundert in tausenden von Fotogeschäften weltweit verfügbar. Auch chemische Produkte für die Entwicklung und Verarbeitung von Filmen und Fotopapieren wurden von diversen Herstellern angeboten. Die Einrichtung eines einfachen Fotolabors bestand aus vier flachen Schalen in der Größe des zu verarbeitenden Fotopapiers (Entwicklung, Zwischenwässerung, Fixierung, Schlusswässerung), einem Vergrößerungsgerät für das Vergrößern von Rollfilmen und Kleinbildfilmen, einer Dunkelkammerbeleuchtung (Rotlicht) und einer Uhr mit Sekundenzeiger oder Stoppuhr.