Kameras als technischer Motor der Fotografie

Eine Kamera ist ein lichtdicht verschlossener leerer Raum oder Kasten. An der Stirnseite befindet sich eine Öffnung mit einem Loch oder einem Objektiv und an der Rückseite eine Projektionsfläche für das Bild. In der klassischen Camera Obscura, wie sie seit dem 16. Jahrhundert bis zur Erfindung der Fotografie gebräuchlich war, wurde das erzeugte Bild direkt auf einer Mattscheibe betrachtet und als Zeichenvorlage verwendet. Dies führte im frühen 19. Jahrhundert zu dem Wunsch, das in einer Camera Obscura erzeugte Bild auf lichtempfindlichen Materialien aufzuzeichnen.



Im 19. Jahrhundert bestanden Kameras meistens aus Holz und wurden von Tischlern gebaut. Das 20. Jahrhundert brachte industrielle Fertigungsverfahren, die auf Materialien wie Blech und Metall setzten. Bis in die 1960er Jahre wurden alle Elemente einer Kamera rein mechanisch gesteuert. Eine Batterie war noch überflüssig.

Ein großer Umbruch kam in den 1960er Jahren mit elektronischen Steuerungen in die Kameratechnik, zunächst in Form von Belichtungsmessern, etwas später auch mit einer automatischen Steuerung der Belichtungseinstellungen und schließlich der automatischen Scharfeinstellung, dem Autofokus.

Kodak Brownie No. 2, 1901
1901, Kodak Brownie für 6 x 9 cm Rollfilm, eine der erfolgreichsten Kameraserien der Geschichte

Kameras für den Massenmarkt wurden schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Millionenstückzahlen hergestellt. Bis zum Jahr 2000 wurden weit über 1 Milliarde klassische analoge Kameras produziert, von der handgefertigten Großformatkamera aus Holz am Ende des 19. Jahrhunderts über Boxkameras und Plastikkameras, hoch entwickelten Spiegelreflexkameras bis hin zur vollautomatischen Point & Shoot Kompaktkamera der 1990er Jahre.

Grob geschätzt wurden von 1839 bis 2000 mehr als 30.000 un­ter­schied­liche Kamera­modelle auf den Markt gebracht. Alle analogen Kameras zu­sammen brach­ten es in diesem Zeitraum auf mehr als eine Milliarde produzierter Geräte.

Die Massenwirkung der digitalen Fotografie übertraf nach der Jahrtausendwende innerhalb weniger Jahre alle Produktionszahlen der klassischen analogen Fotografie um ein Vielfaches. Auf dem Höhepunkt des digitalen Kamera-Booms in den Jahren von 2007 bis 2010 wurden jährlich über 100 Millionen kompakte Digitalkameras weltweit verkauft. 2014 überstieg die Gesamtzahl der bis dahin produzierten Digitalkameras bereits die 1 Milliarde Marke, mehr als in den 175 Jahren zuvor an analogen Kameras produziert worden war.

Die kompakten Digitalkameras wurden abgelöst von Smartphones mit eingebauter Kamera. Sie ließen die Amateurfotografie ab 2010 erneut explodieren. Jährlich 1,5 Milliarden Smartphones mit eingebauter Kamera wurden in der zweiten Hälfte der 2010er Jahre produziert und verkauft, ganz zu schweigen von der inzwischen verbreiteten Verwendung von mehreren Kameras pro Smartphone. Jetzt hatte wirklich jeder auf der Welt eine eigene Kamera zur Verfügung. Die Gesamtzahl aller bis dahin produzierten Smartphones überstieg bereits 2018 die 10 Milliarden Marke.

Jede der folgenden Kameras steht stellvertretend für einen wichtigen Zeitabschnitt in der Geschichte der Fotografie, der ermöglicht wurde durch eine Neuerung in der Kamera- und Fototechnik. Die angege­benen Zeiträume stehen indikativ für die Periode der größten Verbreitung.

Meilensteine des Kamerabaus:

ZeitraumKameratypInnovation
1839 – 1900Hölzerne StudiokameraPorträtobjektiv
1880 – 1930Handplattenkamera, Geheimkamera, LaufbodenkameraVerschluss, Sucher
1890 – 1980Boxkamera, KlappkameraAmateurfotografie
1910 – 1970Mittelformatkamera für RollfilmMittelformatfotografie
1930 – 1980Sucherkamera, MesssucherkameraPräzise Sucher und Entfernungsmessung
1950 – 1990SofortbildkameraSofortbilder
1960 – 2010Kleinbild Spiegelreflex­kameraAutomatische Belichtungssteuerung
1980 – 2010Vollautomatische Kamera (point & shoot)Automatische Fokussierung
Ab 2000DigitalkameraDigitale Bilderfassung
Ab 2010SmartphoneInternetfotografie

Bildgebende Elemente einer Kamera

Die Fortschritte in der Anwendung der Fotografie wurden im Wesentlichen er­möglicht durch eine fort­schreitende Verbesserung der diversen Bau­teile und Funktionselemente der Kameras durch mo­der­­nere Produktionsverfahren und der ständig verbesserten Qualität der für die Bildauf­zeichnung und die Abzüge verwendete foto­gra­fi­schen Materialien.

In den ersten 50 Jahren der Fotografie waren die wesentlichen Elemen­te einer Kamera wie Objektiv, Verschluss oder Blende noch als Einzel­teile erhältlich und ge­hörten nicht zur eigentlichen Grundausstattung einer Kamera. Das Ob­jektiv stammte meist von Herstellern optischer Gerä­te, die Blenden bestanden aus auswechselbaren Metallplatten mit einem kleineren oder größeren Loch in der Mitte, das licht­empfindliche Material wurde in einer Kassette am Rückteil der Kamera befestigt, ein Verschluss konnte vor dem Objektiv an­ge­bracht und ein Sucher an das Kamera­gehäuse an­geschraubt werden. Auch optische Ent­fernungs­messer und Belichtungs­messer waren bereits im 19. Jahrhundert als Son­der­­zubehör erhältlich.

Die technischen Vorgänge und Abläufe bei einer fotografischen Auf­­nahme sind grundsätzlich immer dieselben. Zunächst wird das Ob­jek­tiv auf das zu fotografierende Objekt scharf gestellt. Mit den ge­ge­be­nen Größen der Helligkeit des fotografischen Objekts und der Em­pfind­lich­keit des Aufnahmematerials wer­den die Be­lich­tungszeit und die Größe der Blen­den­öffnung so festgelegt, dass ein genügend starker Hellig­keits­­eindruck auf dem lichtempfindlichen Material er­zeugt wird. Typischerweise werden für Sport­fotos kurze Be­lich­tungszeiten oder für Porträts große Blenden­öffnungen be­vor­zugt. Für die Farb­fotografie muss auch die Lichttemperatur berücksichtigt werden (Kunstlicht, Tageslicht). Hier standen jeweils angepasste Film­ma­te­rialien zur Verfügung, die durch die Digitalisierung über­flüssig wur­den.

Die bildgebenden Elemente einer Kamera haben sich im Laufe ihrer Entwicklung in den letzten fast 200 Jahren bis in das di­gi­tale Zeitalter nicht geändert:

  • Ein Objektiv erzeugt eine Abbildung auf einer licht­empfind­lichen Oberfläche, auf der die Bildinformation che­misch oder elektronisch gespeichert wird. Die Eigen­schaften eines Ob­jek­tivs werden definiert durch seine Brenn­weite und den Durch­messer der Objektivöffnung bei maximal ge­öffne­ter Blende als Maß für die Licht­stärke. Durch die Variation des Ab­standes zur Bildebene wird das Bild scharf gestellt. Objek­tive mit variabler Brennweite (Zoomobjektive) wurden seit den 1960er Jahren zunächst für Spiegelreflexkameras ge­bräuch­­lich.
  • Ein Verschluss steuert die Belichtungszeit, die benötigt wird, um einen ausreichend starken Helligkeitseindruck auf der licht­empfind­lichen Oberfläche zu erzeugen. Der Ver­schluss kann sich vor, im oder hinter dem Objektiv befinden.
  • Zum Anpeilen des fotografierten Objekts wird ein Sucher ver­wen­det, mit dem das Motiv anvisiert und der Bild­aus­schnitt festgelegt werden kann. Moderne optische Sucher er­möglichen auch die Über­prüfung der Fokussierung und der Auf­nahme­einstellungen über das Sucherbild. Bei Smartphones ersetzt der Bildschirm den Sucher.

Die Bauteile der Kameras wie Verschlüsse oder Objektive kamen zunächst von spezialisierten Unternehmen, die bei hoch­wertigen Ge­räten auch explizit benannt wurden. Das Ka­meragehäuse entschied über das zu verwendende Auf­nahme­format und -material wie Fotoplatten, Rollfilm oder Klein­bildfilm. Die Ka­meras waren entweder mit einem fest einge­bauten oder aus­wechsel­baren Objektiven ausgestattet. Das möglichst licht­starke Objektiv entschied letztendlich über die Bildqualität. Wichtige Objektiv­hersteller der Gründerzeit waren Zeiss und Voigtländer.

Im Kamerabau ging der Trend am Anfang des 20. Jahrhunderts von hand­ge­fer­tig­ten Holz­konstruktionen zu industriell hergestellten Gerä­ten aus Metall, ge­stanztem Blech, Pappe oder Kunststoff, mit dem Ziel mög­lichst kom­pakte und effektive Bau­formen zu finden. Technische Er­wei­terun­gen mach­ten die Kame­ras im Laufe ihrer Entwicklung be­dienungs­freund­licher, für jeden nutzbar, schneller ein­setzbar und vor allem leichter.

Der mechanisch arbeitende Zentralverschluss, der bis in die 1950er Jahre verwendet wurde, steuerte die Belichtungszeit, die Blen­den­ein­stellung und die Blitzsynchronisation. Die hoch spe­zialisierten mecha­nischen Zentral­verschlüsse stamm­ten meist von Fremdfirmen wie Gauthier oder Deckel in Deutsch­land oder Bausch & Lomb in den USA, während Schlitz­ver­schlüsse von den Kameraherstellern selber ent­wickelt und fest in das Kame­ra­gehäuse eingebaut wurden.

Für die Herstellung immer leistungsfähigerer Objektive ohne Abbil­dungs­fehler wur­den in der ersten Hälfte des 20. Jahr­hun­derts neue hoch­brechen­de Glassorten entwickelt, die schließ­lich auch zu vielseitigen Zoom­objektiven führten.

Bis in die 1950er Jahre wurde vor allem an den Bedien­elementen für den Filmtransport in der Kamera (Schnell­spann­hebel, seitliche Kurbel) und an der Verbesserung des Suchers (Mess­sucher mit Ent­fer­nungs­messung) mit dem Ziel der Ver­wendung von Wechsel­ob­jek­tiven ge­ar­beitet. Der Verschluss wurde mit einem Blitzanschluss gekoppelt. In den 1960er Jahren wurde die in die Kamera integrierte Be­lichtungs­­messung und etwas später die automa­tische Be­lich­tungs­steu­erung zum Standard im Kamerabau. In den 1980er Jahren ersetzte dann die auto­matische Fokussierung die bis dahin manuelle Fo­kussie­rung zur Ent­fernungs­einstellung. Elektronische Bauteile helfen seit den 1960er Jahren bei der Belich­­tungs­steuerung und seit den 1980er Jahren auch bei der auto­ma­tischen Fokussierung.

Die großen Kamerahersteller wie Kodak, Zeiss Ikon (später Pentacon), Voigtländer, Rollei, Canon, Minolta, Olympus, Yashica, Nikon, Panasonic, Sony oder Casio brachten es jeweils auf mehrere Hundert Modelle.

Nachdem insgesamt 170 Jahre lang mit lichtempfindlichen Materialien auf der Basis von silberhaltigen Emulsionen unter Ver­wen­dung che­mischer Fotoprozesse gearbeitet wurde, findet die foto­gra­fische Aufnahme seit der Jahrtausendwende mit Hilfe von elektro­nischen Sensoren statt, die digitale Informa­tionen liefern, die elektro­nisch gespeichert und auf Bild­schirmen dargestellt werden. Die Elektronik hat die Chemie abgelöst. Das Prinzip der Kamera und der Fotografie ist geblieben, auch wenn moder­ne Smart­phone Kameras mit ihren kleinen Abmessungen nicht mehr an die frühen hölzer­nen Konstruktionen erinnern.

Am besten lässt sich die Miniaturisierung der Kamera­technik an einem Beispiel erklären: Um eine fotografische Auf­nahme im Bildformat von 30 cm x 40 cm zu erhalten, bei einer für den Druck hinreichend guten Auflösung von 300 dpi, be­nötigte man in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein Negativ, dass im Original-Format von 30 cm x 40 cm aufge­nommen wurde, mit einer hölzernen Kamera­aus­rüstung, die rund 10 Kilo wog und eine Abmessung von mindestens 35 x 45 x 50 cm hatte.

Die gleiche Bildgröße bei derselben für die Bildgröße von 30 cm x 40 cm erforderlichen Auflösung von rund 3000 x 4000 Pixeln lieferte 2021 zum Beispiel das 12 MP Kamera-Modul Sony Sensor IMX363, das in vielen Smartphones eingesetzt wurde, mit Außenab­messungen von 9,5 x 9,5 x 4 mm und einer Pixelgröße von 1,4 μm auf einer Bild­diagonalen von 7 mm.

Die wichtigsten Kameras der Geschichte der Fotografie

Jeder Sammler, Fotograf oder Foto­historiker hat seine eigene Vor­stellung, welche Kamera in der Geschichte der Fotografie eine wichtige Rolle spielte oder sammelwürdig ist. Während Sammler sich in der Regel auf seltene Ein­zel­stücke oder dedizierte Teilbereiche der Kameratechnik konzen­trieren, sollen hier zehn Kameras beispielhaft genannt werden, die stell­ver­tretend für die wich­tigsten technischen Ent­wick­lungs­schritte der Fotografie zu einem Massen­medium für Jedermann stehen.

Die ersten fotografischen Versuche zum Aufzeichnen von Lichtbildern in einer Kamera wurden in den 1820er und 1830er Jahren mit umgebauten Camera Obscuras durch-geführt, indem lichtempfindliches Material an der Rückwand der Kamera befestigt wurde. Nach der Veröffentlichung der ersten fotografischen Verfahren wurden Kameras für fotografische Zwecke ab 1839 von diversen Kunsttischlereien als Einzelstücke produziert.

Die ersten fotografischen Objektive waren so genannte Achromate, wie sie bereits seit dem 18. Jahrhundert für optische Geräte wie Camara Obscuras verwendet wurden. Sie stammten in der Regel von den Herstellern von Mikroskopen und Ferngläsern, die über das entsprechende Knowhow verfügten. Die benötigten fotografischen Chemikalien kaufte man in der Apotheke.

Die Kameras der Pioniere der Fotografie bestanden aus einem licht­dichten Kasten aus Holz mit einer Öffnung an der Vorderseite für das Objektiv. Zum Scharfstellen des Motivs mit Hilfe einer Mattscheibe an der Rückseite der Kamera wurde der hintere Kamera­teil auf einem Grundbrett verschoben, bis das Bild scharf war. Die Abmessungen der Kamera bestimmten die Größe des Aufnahmeformates und damit des fertigen Bildes. Die lichtempfindlichen Materialien für die Aufnahme stellte der Fotograf selber her.

Schiebekastenkamera

Die Schiebe­kastenkamera wurde ab 1839 für die Ver­wen­dung von Negativpapier oder Daguerreotypieplatten als Auf­nahme­material ge­baut, das mittels einer lichtdichten Kassette am Hinterteil der Kamera angebracht wurde.

1839 Daguerre Kamera von Giroux Bildformat 216 × 167 mm (= ganze Platte)
1839 Daguerre Kamera von Giroux für das Bildformat 216 × 167 mm (= ganze Platte)

Einige Modelle waren für den leichteren Transport zu­sammen­klappbar, spätere Modelle wurden mit einem licht­dichten Balgen aus Stoff als Ver­bindung zwi­schen Objek­tiv und Bildträger ver­sehen. Der erste technische Durchbruch für diese frühen Verfahren kam 1840 mit der Einführung eines licht­starken Porträt­ob­jektivs. Das von Petzval entwickelte und von Voigt­länder in Wien produzierte Ob­jek­tiv blieb für die nächsten Jahrzehnte der Stan­dard in der Fotografie und ver­kürzte die Belichtungszeit auf wenige Sekunden – volles Sonnenlicht voraus­gesetzt.

Alle Kame­ras dieser Bau­form konnten aus­schließ­lich auf einem Stativ ver­wendet wer­den. Die Belich­tungs­zeit wurde manuell durch Öffnen und Schließen einer Klappe vor dem Objektiv gesteuert. Schiebe­kasten­kame­ras und die etwas leichteren Balgenkameras waren eine Grundform im Kamerabau und wurden in zahlreichen Aus­führungen hergestellt. Be­son­ders beliebte Auf­nahme­formate waren 13 cm x 18 cm, 18 cm x 24 cm oder 24 cm x 30 cm.

Handplattenkamera (Laufbodenkamera)

So genannte Handplattenkameras verfügten als Besonderheit über einen mechanischen Verschluss, der die Belichtungszeit zuverlässig steuern konnte. Die kurzen Verschlusszeiten wurden notwendig und möglich durch die Einführung industriell herge­stellter Gelatine Trockenplatten mit relativ hoher Lichtempfindlichkeit ab 1880.

Die für unterschiedlichste Formate produzierten Kamera­mo­delle machten erstmals das Foto­grafieren aus der Hand grund­sätzlich mög­lich. Die Lauf­boden­kamera konnte für den Trans­port zu­sammen­klappt werden, wobei der Laufboden gleich­zeitig als Schutz­deckel diente.

1901 Century Grand-post
1901 Century Grand-post

So genannte Geheimkameras waren oft in Alltagsgegen­ständen versteckt, getarnt in Büchern oder Geh­stöcken. Auch Stereo­kameras, erste Spiegel­reflex­kameras oder Repor­tage­kameras wur­den ab 1890 von zahlreichen Kameraherstellern weltweit angeboten. Viele dieser Kameras ver­fügten bereits über hoch­wertige, licht­starke Objektive und Zen­tral­verschlüsse oder Schlitz­verschlüsse auch für extrem kurze Be­lich­tungs­zeiten von bis zu 1/1000 s. Allerdings musste die belichtete Fotoplatte nach der Aufnahme noch umständlich durch eine frische Foto­platte ersetzt werden.

Beliebte Aufnahmeformate der Handplattenkameras gingen von 6 x 9 cm bis 13 x 18 cm. Trotz ihrer klobigen Bauform blieben diese Geräte noch bis weit in die 1940er Jahre bei an­spruchsvollen Fotografen und Pressefotografen beliebt.

Amateurkameras (Kodak)

Einfach auf den Auslöser drücken und überall fotografieren, war das Motto der Fotografie für Jedermann. Die allerersten Amateur­ka­meras ersetzten die komplizierten glä­sernen Fotoplatten bereits ab 1888 durch Rollfilm, der zunächst bis zu 100 Aufnahmen ermöglichte. wie bei der legendären Kodak Kamera. Bei diesen Geräten stand nicht mehr die Bild­qualität im Vor­dergrund, sondern der spontane Schnapp­schuss im fami­liären Umfeld.

1888 Kodak Kamera mit runden Bildern
1888 Kodak Kamera mit runden Bildern

Für die Entwicklung der Fotografie wurden die millio­nen­fach herge­stellten Boxkameras für Rollfilm zu wichtigen Ein­stiegs­geräten für zahl­lose Fotografen. Die Kodak Brownie machte ab 1900 das Auf­nahme­format von 6 cm x 9 cm für die nächsten 50 Jahre zum meist verwendeten Bildformat über­haupt und den Rollfilm Typ 120 mit 6 cm Breite zum Standard in der Amateurfotografie. Auch kleinere Roll­filmformate wurden angeboten, die sich aber nicht dauerhaft auf dem Markt behaupten konnten und spätestens in den 1930er Jahren vom Kleinbildfilm verdrängt wurden.

Die starre Bauform der Boxkamera aus leichten Materialien wie Blech, Pappe oder später auch Kunststoff, ausgestattet mit einem einfachen Fix-Fokus-Objektiv und einem Verschluss, der auf eine fest einge­stellte Ver­schlusszeit von ca. 1/15 s eingestellt war, machten diese Geräte in der Herstellung extrem günstig. Die Benutzung war einfach, da an der Kamera nichts eingestellt werden konnte. Ihr extrem niedriger Verkaufs­preis von manch­mal nur $ 1, bzw. 4 Mark, machten diese Kameras für lange Zeit erfolg­reich und halfen Fotokonzernen wie Kodak in den USA und Agfa in Deutschland beim Absatz ihrer Materialien.

In den 1950er Jahren sank das Interesse an den sperrigen Boxkameras, die mittlerweile aus Plastik produziert wurden. Sie wurden abgelöst durch die noch erfolgreicheren und kompakteren Instamatic-Kameras (1963) und Pocket-Kameras (1972), die ebenfalls von Kodak auf den Markt gebracht wurden und jetzt für das Fotografieren in Farbe ausgelegt waren.

Mittelformatkameras (Rollei)

Die zunächst für die Amateurfotografie eingeführten Rollfilme in unterschiedlichen Breiten wurden im Laufe der Zeit auch in technisch gut ausgestatteten Kameras eingesetzt. Erste Klappkameras für Rollfilm kamen bereits um 1900 auf den US-amerika­ni­schen Markt. Beim Auf­klappen des Kameradeckels sprang das Objektiv automatisch in Aufnahmeposition. In den 1920er Jahren kamen zweiäugige Spiegelreflexkameras und weitere Bauformen von Mittelformatkameras dazu und machten aus dem Rollfilm für die nächsten 100 Jahre das wichtigste Aufnahmematerial auch in der pro­fessionellen Fotografie.

1932 Rolleiflex Standard 3,5
1932 Rolleiflex Standard 3,5

Der 6 cm breite Rollfilm vom Typ 120 wurde im 20. Jahrhundert zum Synonym für die Mittelformatfotografie schlechthin. Insbesondere Zweiäugige Spiegelreflexkameras für 12 Aufnahmen im Format 6 cm x 6 cm waren von den 1930er Jahren bis in die 1960er Jahre sehr verbreitet in der Reportagefotografie. Zwei identische, mit einander gekoppelte Objektive ermöglichten eine präzise Scharfeinstellung mit dem oberen und eine sofortige Aufnahme mit dem unteren Objektiv, ohne dass zuerst ein Umlenkspiegel hochgeklappt werden musste, wie bei den einäugigen Spiegel­reflex­kameras. Für viele Fotojournalisten wurde die robuste zweiäugige Spiegel­reflex­kamera Rollei­flex (Abbildung ▲) mit dem quadratischen Aufnahmeformat von 6 cm x 6 cm zum beliebtesten Arbeitsgerät, nicht zuletzt durch ihre zahllosen Nachbauten vor allem von japanischen Kameraherstellern.

Sucherkamera (Leica und andere)

Der 35 mm breite, auf beiden Seiten gelochte Kinofilm und eine präzise Sucher­kon­struktion machten in den 1920er Jahren eine neue Kamera­bauform populär, die die nächsten 80 Jahre der Fotografie über­dauerte, die Kleinbildsucherkamera oder auch Messsucherkamera. Die bekannteste Klein­bild­kamera wurde die Leica, die in ihrer ersten Version 1925 in Produktion ging. Sie war zwar nicht die erste Kleinbildkamera, aber durch ihre hohe Qualität und Zuverlässigkeit wurde durch sie der Weg zur Kleinbildfotografie geebnet. Andere Hersteller brachten ihre eigenen Modelle auf den Markt, besonders zu erwähnen ist hier die Contax der Firma Zeiss Ikon von1932. Insbesondere in den 1950er Jahren wurde der Markt von diversen Kleinbildkameras überschwemmt. Der Kleinbildfilm vom Typ 135 wurde zum erfolgreichsten Aufnahmematerial des 20. Jahrhunderts.

1931 Leica II mit Entfernungsmesser
1931 Leica II mit Entfernungsmesser

Die Kleinbild Sucherkamera mit einem präzisen Sucher, Ent­fernungs­messung und Wechselobjektiven wurde zu einer Grundform im Kamerabau und war der Gegenentwurf zur Spie­gelreflexkamera. Die technisch bereits weiterentwickelte Leica II (Abbildung ▲) des deutschen Unter­nehmens Leitz wurde eine der am häufigsten ko­pier­ten und nachgebauten Kameras der Geschichte. Nicht zu­letzt wurde sie durch ihre zahlreichen Kopien legendär.

Selte­ne Ori­ginal-Leica Kameras der Null-Serie von 1924 und weitere seltene Leica Modelle und Sonderanfertigungen bringen heute auf dem Sammlermarkt mehrere Millio­nen Euro ein. Die Liste der 100 teuersten, in den letzten 20 Jahren auf Auktionen versteigerten Kameras besteht fast ausschließlich aus Leica Kameras.

Kleinbild Spiegelreflexkamera (Nikon & Co.)

Kleinbild Spiegelreflexkameras (englisch: Single Lens Reflex = SLR) waren die dominie­ren­den Ge­räte des Kamera­marktes der 1970er Jahre bis zur Jahr­tau­sendwende und als digitale Modelle auch darüber hinaus. Sie zeichneten sich aus durch ein helles und präzi­ses Sucher­bild, das eine zuverlässige manuelle Fo­kussie­rung und die präzise Bestimmung des Bildausschnitts ermög­lichte. Seit den 1970er Jahren be­saßen sie eine ausgefeilte auto­ma­tische Belich­tungssteuerung und verfügten über ein großes Sortiment an Wechsel­objektiven, zu de­nen jetzt auch neuartige Zoom­objektive gehörten, deren Ver­wen­dung durch diesen Kameratyp möglich wurde.

Die Produktion von Spie­gel­reflexkameras für die Ver­wendung von Kleinbildfilm begann be­reits 1936 mit der Exakta des deutschen Kameraherstellers Ihagee. Die schrittweise technische Weiterentwicklung der Kleinbild Spiegel­re­flex­­kameras erstreckte sich über mehrere Jahrzehnte mit diversen tech­ni­schen Detail­lö­sungen vom Rückschwingspiegel, über den Schnellspannhebel und die Rückspulkurbel, zur vollautomatischen Be­lichtungs­steue­rung und zur automatischen Fokussierung.

Asahi Pentax AB, 1957
1957 Asahi Pentax, Werbeanzeige in den USA

Da der Markt für hochwertige Klein­bild­spiegel­reflex­kameras letzt­lich von Japan dominiert wurde, steht hier als Beispiel eine frühe japanische Kamera, die Asahi-Pentax (Abbildung ▲) von 1957 als erste moderne Klein­bild­spiegel­reflex­kamera mit Rück­schwing­spiegel, Penta­pris­men­sucher, Schnell­spann­hebel und natürlich Wechsel­ob­jektiven. Nikon und Canon folgten mit ihren sehr viel erfolg­reicheren Spie­gel­reflex­kameras erst einige Jahre später.

Insgesamt wur­den fast 200 Millionen analoge Klein­bild­spiegel­reflex­ka­meras haupt­sächlich von den 1970er Jahren bis zur Jahrtausendwende welt­weit pro­duziert und ver­kauft, 94 % dieser Kameras kamen aus Japan, der Rest aus Deutsch­land.

Ab 2000 gab es auch digitale Varianten der Spiegelreflexkameras (englisch: Digital Single Lens Reflex = DSLR), von denen zusammen mit spiegel­losen System­ka­meras eben­falls rund 200 Millionen Stück pro­duziert wurden. Die Produktion aller Arten von Spiegel­reflex­kameras wurde 2020 endgültig eingestellt. Sie wurden abgelöst von den so genannten spiegellosen Systemkameras, die statt eines Spiegels für das Sucherbild einen kleinen Monitor verwendeten.

Interessante Tatsache nebenbei: Das in den 1920er Jahren eingeführte Kleinbildformat von 24 x 36 mm wurde als „Normalformat“ auch für die Sensorgröße in den meisten digitalen Spiegelreflexkameras übernommen und etablierte sich als Standard, auch als Vollformat bezeichnet.

Sofortbildkamera (Polaroid)

Die ersten Sofortbildkameras für Schwarzweiß-Aufnahmen wur­den be­reits 1947 von der US-ame­ri­ka­nischen Firma Pola­roid in Serie her­ge­stellt. Die Firma baute in ihrer mehr als 50-jährigen Geschichte hun­derte von Kamera­modellen für unter­schiedlichste Formate und Anwen­dungen, auch in der wissenschaftlichen und medi­zi­nischen Foto­grafie.

1972 Polaroid SX-70 life
1972 Polaroid SX-70 life

Die legendäre SX-70 stellte den Höhepunkt des Kamerabaus im Be­reich der Sofortbildfotografie dar.  Die SX-70 ist eine faltbare Sofort­bild-Spiegel­reflex­kame­ra, die von Polaroid in der ersten Version von 1972 bis 1981 und danach in verschiedenen weiteren Varianten hergestellt wurde. Sie ist so­wohl die erste faltbare Spiegel­reflex­kamera überhaupt, als auch die erste Kamera für den vollständig neu konzi­pierten Inte­gral­film, der eben­falls als SX-70 be­zeichnet wurde. Die technologische Innovation des SX-70-Systems war der automatische Auswurf der Auf­nahme un­mittel­bar nach der Be­lich­tung mit einem typischen Surren und ihre Ent­wicklung vor den Augen des Fotografen. Pure Magie!

Point & Shoot Kamera

In den späten 1980er Jahren wurden die Kameras durch den zu­nehmen­den Einsatz elektronischer Komponenten kleiner und leich­ter. Klein­bild Sucherkameras feierten ein großes Comeback. Die Be­lich­tung, der Filmtransport und die Fokussierung wurden jetzt voll­auto­matisch von der Kamera gesteuert. Ein integrierter Blitz sorgte immer für Licht. Die Elektronik machte diese Point & Shoot Kameras kom­pakter, Kunst­stoff­gehäuse machten sie leichter.

Diese vollauto­ma­tischen Kameras für die Ver­wendung von Kleinbildfilm waren mit 500 Millio­nen Geräten die er­folgreichste analoge Kamerafamilie der Ge­schichte. Alle namhaften Kamerahersteller in Japan brachten ihre eigenen Point & Shoot Kameras auf den Markt, von der einfachsten Plasti­kknipse bis zu hochwertig ausgestatteten Reisekameras.

1991 Olympus mju-01
1991 Olympus µ[mju:]-1, vollautomatische und Motor gesteuerte Kleinbildkamera

Der japanische Hersteller Olympus brachte 1991 die elegante µ[mju:]-1 Kleinbildkamera mit Autofokus, integriertem Blitz und mo­to­ri­schem Filmtransport auf den Markt. Das besondere Merkmal dieser Ka­meras war ein Schieber, der das Objektiv bei Nicht-Benutzung schützte und beim Öffnen die Kamera ein­schaltete. Es folgten bis 2002 wei­tere Modelle dieser Kamera­serie von Olympus, auch mit Zoom­objektiven. Die Serie wurde mit 25 Millionen Stück zur weltweit meist­ver­kauften Kompakt­kamera für Kleinbildfilm.

Digitalkameras

Die ersten Digitalkameras, die in den 1990er Jahren auf den Markt kamen, bekamen erst nach und nach die Ausstattungs­merkmale, die sie nach der Jahrtausendwende zur erfolgreichsten Kamera­familie der Ge­schichte machten. Die Speicherkapazität war zunächst auf einen fest ein­ge­bau­ten Speicher von maximal 6 MB be­grenzt, das Auflösungs­ver­mögen lag noch unter 1 MP und ein LCD-Monitor fehlte häufig noch gänzlich.

Erst die Ein­führung von auswechselbaren Speicherkarten und Digital­­sen­so­ren mit einer Auflösung von mehr als 3 MP und einem serien­mä­ßi­gen Farb­moni­tor machten die Digitalkameras in den 2000er Jahren für die breite Masse interessant, unterstützt von sinkenden Kamera­preisen.

2002 Casio Exilim EX-S1
2002 Casio Exilim EX-S1

Zwischen 2003 und 2005 vollzog sich der Systemwechsel von der analogen Foto­grafie zur digitalen Fotografie. Immer wieder neue Kamera­modelle, auch von Elektronikunternehmen, drängten in den Markt. Digitale Kompakt­kameras waren eigentlich die direkten Nachfolger der Point & Shoot Kameras der 1990er Jahre, jetzt noch stylischer und noch kompakter. Besonders beliebt wurden extraflache Kameras wie zum Beispiel die Exilim von Casio (Abbildung ▲), die 2002 auf den Markt kam. Zoomobjektive, Elektronenblitz und Autofocus waren jetzt Standard.

Alleine im Jahr 2003 wurden über 1.400 neue Digitalkamera Modelle auf den Markt gebracht und insgesamt wurden weltweit zum ersten Mal mit rund 42 Millionen Stück mehr Digitalkameras verkauft, als analoge. Bereits zwei Jahre später waren die klassischen filmbasierten Kameras vom Consumer-Markt fast vollständig verschwunden. Die Firma Canon führte diesen Wechsel mit ihren Produkten an und verkaufte bereits 2008 ihre 100 Millionste kompakte Digitalkamera. Canons digitale Kameraserie Ixus gehörte zu den Bestsellern dieser Zeit.

Für anspruchsvolle Fotografen, die noch lange ihren analogen Spiegelreflexkameras treu geblieben waren, gab es ab 2010 vermehrt eine ganze Reihe von hochauflösenden und hochwertigen digitalen Spiegelreflexkameras (DSLR) und so genannten spiegellosen Systemkameras der großen Kamerahersteller Nikon, Canon, Sony und Fuji. Ab 2015 gingen die Verkaufszahlen stark zurück.

Alleine von 1997 bis 2017 wurden insgesamt mehr als 1 Milliarde digitaler Kom­pakt­kameras verkauft, genauso viele, wie von allen analogen Kameras der vorangegangen 160 Jahre Kamerageschichte zu­sammen.

Smartphones

Der US-amerikanische Computerhersteller Apple stieg 2007 in den Mobilfunkmarkt ein mit seinem allerersten iPhone. Es verfügte über eine rückseitige 2 MP Kamera und wurde der Startpunkt in ein neues technologisches Zeitalter durch die Verfügbarkeit von Internet und dem tastaturlosem Design mit einer Multi-Touch-Oberfläche.

Was nach der Einführung und massenhaften Ver­breitung der Smart­phones vor allem ab 2015 vom klassischen Kameramarkt übrig blieb, ist ein kleines Häufchen an meist professionellen Kameras für Spezial­an­wendungen.

2014 apple iphone-6s
2014 Apple iphone-6s; mit 220 Millionen Stück die meist produzierte Kamera aller Zeiten

Mit einem Produktionsvolumen von 220 Millionen Stück war das iPhone 6, das 2014 auf den Markt kam, das Smartphone und damit auch das Kameramodell mit der höchsten jemals produzierten Stückzahl, ausgestattet mit einer rückseitigen 8 MP Kamera (3264 px × 2448 px).

Wofür die klassischen, analogen Kameras 170 Jahre und die digitalen Kompaktkameras noch 20 Jahre brauchten, nämlich die Produktion von 1 Milliarde Geräten, das schafften die Smartphones mit eingebauter Kamera 2016 bereits in einem einzigen Jahr.

Der Weg in die Zukunft

Die Zukunft des Kamerabaus geht einher mit der Banalisierung und uni­versellen Verfügbarkeit von digitalen Kameramodulen, die ihren Einsatz mittlerweile in allen Bereichen des täglichen, privaten und öffentlichen Lebens haben, vom selbstfahrenden Auto bis hin zu Drohnen und Überwachungskameras. Diese Geräte brauchen keinen Foto­grafen mehr. Die Fotografie findet zunehmend automatisch statt und wird von einer KI ausgewertet und analysiert.

Mit dem Einsatz Künstlicher Intelligenz für die Erzeugung von Abbildungen, die wie Fotos aussehen, wurde die Kamera in den 2020er Jahren überflüssig. Diese „kameralose Fotografie“ führte zu einem revolutionär neuen Verständnis über das Wesen der Fotografie. Neue Formen der künstlerischen und kommerziellen Fotografie werfen grundsätzliche Fragen und Bedenken hinsichtlich der Authentizität und Glaubwürdigkeit von Bildern auf.