Fotobücher

Die ersten Fotobücher der Geschichte erschienen bereits im 19. Jahrhundert. Fotobücher können alles sein, vom Poesiealbum zum Fotoessay, von sozialkritischer Dokumentation zum Ausstellungskatalog, von der experimentellen Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten der Fotografie zum Underground Statement. Fotobücher schaffen eine eigenständige Welt, in der das Design den Inhalt des Buches ergänzt.

Für Fotobücher hat sich im 20. Jahrhundert ein eigener Markt entwickelt. Insbesondere Fotobücher, die von den Fotografen selbst zusammengestellt und verlegt wurden, sind als Autorenwerke heute sehr begehrt.

Erste Fotobücher im 19. Jahrhundert

Henri Fox Talbot: The Pencil of Nature, 1844
Henri Fox Talbot: The Pencil of Nature, 1844

Der englische Erfinder der Fotografie William Henry Fox Talbot schuf 1841 mit dem von ihm erfundenen Kalotypie-Verfahren, von dem beliebig viele Positive abgezogen werden konnten, die Grundlage für die moderne Fotografie und damit auch für das Fotobuch. Talbot produzierte 1845 den ersten Teil seiner mehrbändigen Arbeit „The Pencil of Nature“ mit eingeklebten Kalotypien und begleitenden Kommentaren zu den Vorzügen und der Zukunft der Fotografie. Es war zugleich die erste Streitschrift für die Fotografie als neuem Medium.

Die Fotografie des 19. Jahrhunderts und insbesondere die ersten Fotobücher der Geschichte waren auf das Dokumentieren der Welt fokussiert. So bediente ein Buch wie „Égypte, Nubie, Palestine et Syrie“ (1852) von Maxime du Camp die Disziplinen Reise und Altertumskunde, ebenso wie Auguste Salzmanns „Jérusalem“ (1856) und „Egypt, Sinai and Jerusalem“ (1862/63) von Francis Frith. „Crystal Palace“ (1855) von Philip Delamotte und „Chemins de fer de Paris à Lyon“ (1861–1863) von Édouard Baldus repräsentierten Architektur, Ingenieurskunst und Nationalstolz. 

Anna Atkins Cyanotypie von Algen, 1845
Anna Atkins: Cyanotypie von Algen, ca. 1843

Die britische Botanikerin Anna Atkins schuf bereits 1843 den bis heute legendären Band „Photographs of British Algae“, der mit Cyanotypien illustriert war. Sie setzte damit einen neuen Standard. Das simple, aber schöne Repetieren der Bilder in Blau und Weiß nahm die konzeptuellen Fotobücher von Künstlerinnen und Künstlern der 1960er und 1970er Jahre um mehr als ein Jahrhundert vorweg. 

Alle Fotobücher, die im 19. Jahrhundert entstanden, waren noch mit Original-Fotografien illustriert. Moderne Druckverfahren wie der Offsetdruck brachten erst am Anfang des 20. Jahrhunderts die Möglichkeit Fotos und Text in einem Druckvorgang zu kombinieren.

Fotobücher der Moderne

Die Strömung der Neuen Sachlichkeit wurde in den 1920er Jahren von den Künstlern des Bauhauses propagiert. Sie machten das fotografische Dokument zu einer eigenen Kategorie der modernen Kunst. Die bildhafte Schönheit einer Fotografie wurde sekundär. Bauhaus-Künstler wie Herbert Bayer schufen in den 1920er Jahren Bildwerke, die aus Fotografien, grafischen Elementen und Text zu einer Collage zusammengesetzt waren.

Herbert Bayer: Bauhaus, 1923
Herbert Bayer: Bauhaus, 1923

Fotos wurden jetzt mit Text arrangiert, ausgeschnitten und wieder zu Collagen zusammengeführt. Die Avantgarde brachte experimentelle Fotobücher von Künstlern wie Man Ray, László Moholy-Nagy oder Duane Michals hervor, die die Grenzbereiche der Fotografie ausloteten. 

In Deutschland wurde die Strömung der Neuen Sachlichkeit 1929 in der großen Fotoschau Film und Foto präsentiert. Begleitend wurden die fotografischen Trends in verschiedenen Bildbänden beispielhaft gezeigt: 

  • „Die Welt ist schön“ (1928) von Albert Renger-Patzsch, 
  • „Malerei, Fotografie, Film“ (1925) von László Moholy-Nagy, 
  • „Es kommt der neue Fotograf“ (1929) von Werner Gräff, 
  • „Foto-Auge“: 76 Fotos der Zeit (1929) von Franz Roh und Jan Tschichold.
Franz Roh: foto auge
Franz Roh: foto auge, 1929

Auch Bildbände wie „Métal“ (1928) von Germaine Krull oder „60 Photos“ (1927) von Aenne Biermann gehören in den Kontext der Neuen Sachlichkeit. Wichtige Stilmittel dieser Publikationen waren ein modernes Layout, eine neue Typografie mit Schrifttypen, die vorwiegend Kleinschreibung verwendeten und abstrakte oder politisch motivierte Fotomontagen. 

In den 1940er und 1950er Jahren etablierte sich das Genre der sozialdokumentarischen und humanistischen Straßenfotografie mit herausragenden Fotobüchern wie „The decisive Moment“ von Henri Cartier-Bresson oder „The Americans“ von Robert Frank. Sie definierten einen neuen Stil der Straßenfotografie im Kontext der Pressefotografie. Der japanische Fotograf Daido Moriyama entwickelte die Straßenfotografie weiter mit düster grauen Szenen zum Beispiel in seinem legendären Fotobuch „A Hunter“ von 1972, dem mehr als 100 weitere folgten.

Legendäre Fotoausstellung Family of Man, Museum of Modern Art, New York, 1954

Wichtige fotografische Publikationen entstanden auch als Ausstellungskataloge und Monografien zu legendären Fotoausstellungen wie „Family of Men“ im MoMA von 1955, William Egglestone’s Ausstellung von 1976 mit Farbfotografien, ebenfalls im MoMA oder „New Topographics, Photographs of a man altered landscape“ von 1975 im George Eastman House in Rochester, New York als Basis der konzeptionellen topografischen Fotografie, wie sie auch vom deutschen Ehepaar Becher umgesetzt wurde.

Larry Clark: Tulsa, 1971
Larry Clark: Tulsa, 1971

Die subjektive Sicht auf die engste familiäre oder private Umgebung wurde in Fotobüchern von Fotografen wie Larry Clark in seinem Skandalbuch „Tulsa“ von 1971 über Sex, Drogen und Gewalt, Nan Goldin in ihrem Hauptwerk „The Ballad of sexual Dependency“ oder der amerikanischen Fotografin Sally Mann in ihrer Serie „Immediate Family“ von 1992 thematisiert, die mit ihren Arbeiten neue Maßstäbe setzen.

Fotobücher im digitalen Kontext

Die Digitalisierung der fotografischen Technik in Kombination mit dem Internet brachte seit der Jahrtausendwende neue Möglichkeiten für die Erstellung von Fotobüchern in Eigenregie. Die Digitalisierung hat auch die Verbreitungswege der Fotografie revolutioniert. Während viele befürchteten, dass das physische Buch durch digitale Bildschirme abgelöst würde, erlebte das Fotobuch in Form von Self-Publishing – oft mit experimentellen Materialien – eine Renaissance.

Das 21. Jahrhundert rückte das Fotobuch in ein ganz neues Licht. Zwischen dem Jahr 2000 und 2023 hat sich die Zahl der weltweit agierenden Fotobuchverlage verfünffacht, und das Genre selbst hat ein neues Niveau an Erfindungsreichtum, Experimentierfreude, Qualität und Raffinesse erreicht und kann auf Spezialmessen weltweit bewundert werden. 

Viele junge Fotografen konzentrieren sich zunächst auf die Veröffentlichung ihres ersten Fotobuchs als Startpunkt ihrer Karriere. Ausstellungen sind oft sekundär. Das Fotobuch war noch nie so wichtig als wesentliches Element der fotografischen Kreativität.

Weltweit finden jährliche Messen, Veranstaltungen und Preisverleihungen zum Thema Fotobuch statt, die die unterschiedlichsten Ausrichtungen des Fotobuchmarktes behandeln. Die größte Veranstaltung in Europa ist die jährlich zur Paris Photo stattfindende Sonderveranstaltung Polycopies, ein großes Festival, das sich ganz den Fotobüchern widmet, auf dem Boot Concorde-Atlantique und den davor liegenden Seine-Kais.

Der Deutsche Fotobuchpreis ist ein jährlicher Wettbewerb, bei dem die besten Fotobücher des deutschsprachigen Raumes in mehreren Kategorien von einer unabhängigen Jury ausgezeichnet werden. Er wurde 1975 als Kodak Fotobuchpreis gegründet und fand bis 2003 unter diesem Namen statt. Nach dem Rückzug der Kodak AG als Sponsor wurde der Preis 2003 in Deutscher Fotobuchpreis umbenannt.

Die Paris Photo-Aperture PhotoBook Awards werden seit 2012 jährlich vergeben. Sie belegen die Rolle des Fotobuchs in der sich entwickelnden Erzählung der Fotografie. Die Auszeichnungen würdigen herausragende Leistungen in drei Hauptkategorien der Fotobuchveröffentlichung Erstes Fotobuch, Fotobuch des Jahres und Fotografiekatalog des Jahres.

Die wichtigsten Fotobücher der Geschichte der Fotografie

Einige herausragende Fotobücher der Geschichte prägten den Stil der Fotografie ihrer Zeit nachhaltig. Andere brachten innovative und konzeptionelle Ansätze, die die Wahrnehmung der Fotografie auf neue Pfade lenkten. Originale Erstausgaben der Fotobücher aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts werden heute zu 5-stelligen Eurosummen gehandelt.

August Sander: Antlitz der Zeit (Menschen des 20. Jahrhunderts)

1929: Antlitz der Zeit – August Sander

1927 wurden in einer Ausstellung im Kölnischen Kunstverein 60 Bilder unter dem Titel „Antlitz der Zeit“ gezeigt, die 1929 in Buchform veröffentlicht wurde. Der deutsche Fotograf August Sander (1876-1964) hat mit seinem Projekt „Menschen des 20. Jahrhunderts“ ein monumentales Werk mit insgesamt über 700 Aufnahmen geschaffen, als typologisches Gesamtbild der deutschen Gesellschaft. Einzel- und Gruppenportraits, nach beruflichen, sozialen oder familiären Gesichtspunkten geordnet, sollten die verschiedenen gesellschaftlichen Bereiche repräsentativ abbilden. Für dieses Zeitbild, wie er selbst es nannte, hatte er sieben Gruppen vorgesehen: Der Bauer, Der Handwerker, Die Frau, Die Stände, Die Künstler, Die Großstadt und zum Thema Alter, Krankheit und Tod (Die letzten Menschen).

Brassai: Paris de Nuit, 1933

1933: Paris de Nuit – Brassaï

Der aus Ungarn stammende Fotograf Brassaï lebte in Paris. Der Verlag Arts et Métiers Graphiques veröffentlichte 1933 seinen Bildband „Paris de Nuit“ mit 60 Aufnahmen des nächtlichen Paris. Sie machten Brassaï über Nacht als Fotograf berühmt.

Man Ray, Photography 1920-1934

1934: Photographs 1920–1934 – Man Ray

Man Ray als einer der führenden Vertreter des Surrealismus und Dadaismus, zeigt in seinem 1934 erschienenen Buch seine Experimente mit der Fotografie, darunter Rayographien und Solarisationen. Es steht exemplarisch für  die avantgardistischen Strömungen im Paris der 1920er und 1930er Jahre.

Walker Evans: American Photographs

1938: American Photographs – Walker Evans

„American Photographs“ von Walker Evans, 1938 begleitet von einer Ausstellung im MoMA in New York, dokumentierte das amerikanische Leben im ländlichen Amerika mit einer klaren, distanzierten Objektivität.

Dorothea Lange: An American Exodus, 1936

1939: An American Exodus, A Record of Human Erosion – Dorothea Lange

Dorothea Lange dokumentierte die soziale und wirtschaftliche Not während der Großen Depression in den USA in den 1930er Jahren im Auftrag der FSA (Farm Security Administration). Sie zeigte die Situation von Wanderarbeitern und notleidenden Bauern in ihrem Buch „An American Exodus, a record of human erosion“.

Wegee: Naked City 1945

1945: Naked City – Weegee

Mit dem Fotobuch „Naked City“ von 1945 wurde der Pressefotograf Weegee einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Weegee fing mit seiner Kamera Drama und übertriebene Emotionen in Sekundenbruchteilen ein. Er fotografierte zu jeder Zeit und auf allen Ebenen, Cafés um drei Uhr morgens, heiße Sommerabende in den Mietskasernen,  Debütantenbälle, Partys auf der Straße, Verliebte auf Parkbänken, die Mittellosen und die Einsamen. Er hörte den Polizeifunk ab, um als Erster am Ort eines Verbrechens zu sein. Kein anderer Fotograf hat das Leben in New York City besser eingefangen.

Henri Cartier-Bresson: Images à la sauvette, 1952

1952: Henri Cartier-Bresson – The Decisive Moment

Der französische Fotograf und Mitbegründer der Fotografenagentur Magnum Photos Henri Cartier-Bresson prägte den Begriff des „entscheidenden Augenblicks“ und revolutionierte die Fotoreportage. Sein Buch von 1952 unter dem Titel „Images à la sauvette“ (engl.: „The Decisive Moment“) zeigt, wie der Fotograf die Balance zwischen Komposition und Spontanität findet. Es etablierte sich als wegweisendes Werk wurde mit seinem prächtigen Matisse-Cover zur Bibel einer ganzen Fotografengeneration.

William Klein: New York

1958: Life is Good & Good for you in New York – William Klein

William Klein’s berühmteste und zugleich einflussreichste Arbeit ist das Fotobuch “Life is good and good for you in New York: Trance Witness Revels” von 1958. Die Deutsche Ausgabe erschien unter dem schlichten Titel „New York 1954–55“ 1995. Der US-amerikanische Modefotograf und Fotoreporter William Klein brachte eine neue, energiegeladene Ästhetik in die Straßenfotografie, die die Stadt als chaotischen und lebendigen Raum zeigt. Das Buch bricht mit den konventionellen Regeln der Fotografie und beeinflusste viele Fotografen.

Robert Frank: The Americans

1958: The Americans – Robert Frank

Der aus der Schweiz stammende US-amerikanische Fotograf Robert Frank ging 1954 in die USA. Nachdem er sich eine gebrauchte Leica gekauft hatte, begann er eine großangelegte Bildreportage über die Vereinigten Staaten. Bis 1957 reiste er durch die USA und machte 28.000 Fotos, von denen er 83 für sein Buch auswählte und zusammenstellte. Mit „The Americans“ von 1958 revolutionierte Frank die Ästhetik des Fotobuchs. Franks Blick auf das Alltagsleben, häufig aus ungewöhnlichen Perspektiven, prägte einen neuen dokumentarischen Stil und zeigte die Schattenseiten des amerikanischen Traums. Die erste Ausgabe erschien 1958 zunächst in Frankreich unter dem Titel „Les Américains“.

Ed Ruscha: twentiysix gasoline stations

1963: Twentysix Gasoline Station – Ed Ruscha

1963 entstand ein ikonisches Buch der Konzeptkunst, in dem der US-amerikanische Fotokünstler Ed Ruscha „26 Tankstellen“ entlang der Route 66 fotografierte. Mit seiner minimalen Ästhetik prägte er die konzeptuelle Fotografie und die Idee, Fotografie als Buchformat zu nutzen, um Kunstwerke zu schaffen.

Bruce Davidson: 100th Street

1970: East 100th Street – Bruce Davidson

Der US-amerikanische Fotograf Bruce Davidson dokumentierte das Leben in einem sozialen Brennpunkt in Harlem, New York. Das Buch ist ein kraftvolles Zeugnis der sozialen Ungleichheit und menschlichen Würde und zeigte die Rolle der Fotografie im sozialen Aktivismus, ein distanzloses Dokument des Lebens in Harlem und ein Hauptwerk in der Geschichte der kritischen Dokumentarfotografie.

Daido Moriyama 1972
Daido Moriyama: The Hunter, 1972

1972: Farewell Photography – Daido Moriyama

Dieses Buch gilt als eines der wichtigsten Werke des japanischen Fotografen Daido Moriyama und ist ein Paradebeispiel für seinen experimentellen Ansatz. Die Bilder sind oft überbelichtet oder unscharf. Mit seinen mehr als 100 Fotobüchern machte Daido Moriyama das Fotobuch zu seinem wichtigsten Kommunikationsmedium.

1977: EVIDENCE – LARRY SULTAN UND MIKE MANDEL

„Evidence“ besteht aus gefundenen Fotografien, die ursprünglich als Beweismittel in wissenschaftlichen oder behördlichen Kontexten erstellt wurden. Die Künstler Sultan und Mandel hinterfragen die Rolle der Fotografie als Dokument der Wahrheit und schaffen damit einen neuen Kontext. Das Konzept ihres Projektes war klar: Sie wollten sogenannte einfache, „beweisende“ Dokumentarfotografien zeigen und durch die Auswahl und die Präsentation die Betrachter des Buches verunsichern. Das Projekt Evidence gilt heute als ein Meilenstein der konzeptuellen Kunst der Appropriation Art.

1982: UNCOMMON PLACES – STEPHEN SHORE

Stephen Shore’s Fotobuch „Uncommon Places“ ist ein Meilenstein der Farbfotografie, die bis dahin gegenüber der Schwarzweißfotografie oft als minderwertig betrachtet wurde. Shore fotografierte banale und unspektakuläre Orte des Alltags und setzte damit neue Maßstäbe für die dokumentarische Fotografie. Shore dokumentiert das alltägliche Amerika der 1970er Jahre: Tankstellen, Straßencafés, Motelzimmer. Seine Bilder sind geprägt von einer klaren Komposition und einer präzisen Farbwiedergabe. Shore erhielt 2005 den Deutsche Börse Photography Prize.

Richard Avedon: In the American West, 1985

1985: In the American West – Richard Avedon

Richard Avedon‘s 110 Porträts von Arbeitern und Randgruppen des amerikanischen Westens sprengten die Konventionen der Porträtfotografie. Durch den minimalistischen Hintergrund und die intensive Auseinandersetzung mit seinen Subjekten entstand eine tiefgründige soziale Dokumentation. Von 1979 bis 1984 besuchte der US-amerikanische Studiofotograf Richard Avedon Farmen, Kohlegruben, Ölfelder, Schlachthöfe, Büros, Restaurants und andere Orte um die arbeitende Bevölkerung zu porträtieren. Entstanden sind präzise geplante, ausdrucksvolle Porträts dieser Menschen, die im Studio auf Fotoplatten von 20 cm x 25 cm entstanden.

1986: The Ballad of Sexual Dependency – Nan Goldin

Nan Goldin’s persönliche und intime Porträts ihres Umfelds in der New Yorker Subkultur der 1970er und 1980er Jahre haben eine hohe emotionale Intensität, die sich mit Themen wie Sexualität, Identität und Abhängigkeit auseinandersetzt. Ihr Werk „The Ballad of Sexual Dependency“ ist eigentlich eine Diashow mit Musik, die ihr Leben in der New Yorker Subkultur der Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transsexuellen während der 1980er Jahre festhält. Das Werk ist als Installation konzipiert. The Ballad wurde 1985 erstmals als Fotoband veröffentlicht. 

1993: Workers – Sebastião Salgado

Sebastião Salgado dokumentierte die Arbeitsbedingungen von Menschen in Entwicklungsländern und zeigte die menschlichen Kosten der Globalisierung. Sein Werk ist tief humanistisch und setzt sich für soziale Gerechtigkeit ein. Salgados Fotobuch-Klassiker „Workers“ würdigt die traditionellen handwerklichen Arbeitsweisen, während zu Beginn des neuen Jahrtausends überall in der Welt Maschinen und Computer die Arbeit der Menschen übernehmen. Mit Bildern von beeindruckender Schönheit hat Salgado eine visuelle Elegie komponiert, mit der er jene Männer und Frauen ehrt, die sich ihren unbeugsamen Geist und ihre Würde selbst unter härtesten Arbeitsbedingungen bewahren.

Helmut Newton: Sumo, 1999
Helmut Newton: Sumo, 1999

1999: Sumo – Helmut Newton

Ein wichtiger Höhepunkt der erotischen Fotografie und der Porträt- und Modefotografie war Helmut Newton’s 1999 aufgelegter Bildband „Sumo“. Das mit über 460 Fotografien von Helmut Newton rund 35 kg schwere und 70 x 50 cm große SUMO-Buch, ausgerüstet mit einem vom Designer Philippe Starck entworfenen Ständer kostete bei Erscheinen 10.000 DM und war innerhalb kurzer Zeit ausverkauft. SUMO war in jeder Hinsicht ein titanisches Werk, das Rekorde brach und alle Dimensionen sprengte. Das erste Exemplar der auf 10.000 Stück limitierten und handsignierten Ausgabe wurde im April 2000 sogar für den Rekordpreis von 620.000 DM versteigert, womit es zum teuersten Buch des 20. Jahrhunderts wurde.

Zanele Muholi: Somnyama Ngonyama, Hail the Dark Lioness, 2018

2018: Somnyama Ngonyama. Hail the Dark Lioness – Zanele Muholi

“Somnyama Ngonyama. Hail the Dark Lioness“ ist die Monographie der aus Südafrika stammenden Fotokünstlerin Zanele Muholi. Sie formuliert radikale Aussagen zu Identität, Rasse und Widerstand sowie eine direkte Antwort auf jede Form von Rassismen. Das Buch enthält über neunzig eindrucksvolle Selbstporträts, wobei jedes Bild anhand von materiellen Requisiten aus Muholis unmittelbarer Umgebung entworfen wurde.

2023: Gravity – Aapo Huhta

Aapo Huhtas Buch Gravity präsentiert eine Sammlung von Schwarz-Weiß-Studioporträts menschlicher Figuren und Formen, kombiniert mit Bildern mumifizierter Überreste aus dem späten 16. Jahrhundert in Sizilien. Durch das Fotografieren und Wiederfotografieren durch transparente und reflektierende Objekte verwandelt Huhta die Figuren in verzerrte, menschenähnliche Kreaturen. Er manipuliert auch das Zusammenspiel von Film, Entwickler und übermäßig abgelaufenem Fotopapier von Hand und stellt das Unvorhersehbare wieder in einen Prozess her, der gemeinhin kontrolliert werden soll.