Die Wahrheit der Fotografie

Die Fotografie ist vollkommen objektiv und zeigt immer die Wahrheit. Das Objektiv einer Kamera bildet die Außenwelt so ab, wie sie ist, also ohne Hinzufügen oder Weglassen von Details, eben ganz objektiv im Gegensatz zur Malerei oder Zeichenkunst.

Form und Inhalt einer Fotografie sind untrennbar miteinander verbunden. Realität und Abbildung verschmelzen miteinander. Fotografische Bilder sind Momentaufnahmen, die im Bruchteil einer Sekunde einen definierten Ausschnitt der dreidimensionalen Welt in einem zweidimensionalem Schattenbild aus Hell- und Dunkel-Abstufungen festhalten, ein Moment, der für immer vorbei ist. 

Unbekannter Fotograf: Bau des Empire State Buildings, 1932
Unbekannter Fotograf: Bau des Empire State Buildings, 1932

Fotografie macht sichtbar. Dinge und Ereignisse, die sonst für die meisten Menschen unsichtbar geblieben wären, werden durch die Fotografie erlebbar und sichtbar gemacht. Ein Foto ist der eingefrorene Zustand eines Moments in der Vergangenheit, ein Stück Zeit, das festgehalten wurde. Fotografie und Tod gehören zusammen. Der fotografierte Moment ist für immer vergangen und nicht wieder herstellbar. Fotos sind wie Zeitkapseln, die einen Kampf gegen die Vergänglichkeit führen. Sie stehen für das Vergangene, das nicht mehr Existierende, Tote. 

In dem Augenblick, wo eine fotografische Aufnahme gezeigt wird, entfaltet sie eine Wirkung und kann Emotionen auslösen. Dies kann im kleinen Kreis der Familie, in einer Ausstellung, einer Veröffentlichung oder durch Teilen im Internet passieren.

Erst durch den Betrachter wird das Foto zu einem wirksamen Objekt im öffentlichen Raum und zu einem Medium, das Ideen und Weltbilder verbreiten kann. Der Betrachter eignet sich dieses ominöse Objekt an und verbindet es mit seiner eigenen, ganz individuellen Sicht auf die Welt. 

Die Fotografie als Tod der Objektivität

Objektive Fotografie existiert nicht. Fotos wurden schon immer verfälscht, manipuliert oder aufgehübscht. Es wird retuschiert, beschnitten, weggelassen oder hinzugefügt, wie der Kunde oder der Fotograf es immer haben möchte oder der Verwendungszweck oder der Zeitgeschmack es verlangt. Bereits durch die Wahl des Bildausschnitts schließt der Fotograf Bildteile aus. Durch die Einstellung der Schärfeebene wird der Blick des Betrachters auf bestimmte Bildteile gelenkt. Ungewollte Gegenstände oder Personen können nachträglich durch Retusche aus den Fotos entfernt werden.

Edward Weston: Pepper no 30, 1930
Edward Weston: Pepper no 30, 1930

Die Vertreter der Reinen Fotografie der 1930er Jahre wie Ansel Adams, Alvin Langdon Coburn, Imogen Cunningham
Edward Weston oder Minor White propagierten ein Neues Sehen. Als Vertreter der US-amerikanischen Richtung der Straight Photography wollten sie keine Manipulation mehr zulassen und alle bildnerischen Ergebnisse ausschließlich mit fotografischen Mitteln erzielen. Auf den Abzügen wurde manchmal sogar der Rand des Negativs mit gedruckt, sichtbar als schwarze Umrandung der Bilder, um zu zeigen, dass nichts von der Aufnahme beschnitten wurde. 

Fotografie verleiht Bedeutung, sagte die Autorin Susan Sontag in ihrem Buch „Über Fotografie“. Erst eine Situation, die fotografiert worden ist, hat wirklich stattgefunden. Das Foto wird zum Beweis der Wirklichkeit. Dies wird besonders deutlich im Wechsel der Sehgewohnheiten, die mit der aufblühenden Bilderpresse seit den 1930er Jahren eintrat. Während bis in die 1920er Jahre Zeitungsartikel nur sehr selten bebildert waren, wurden Fotos in den 1930er Jahren in Illustrierten und Tageszeitungen zum wichtigsten Kommunikations- und Informationsmedium. Seit den 1970er Jahren haben Reportagen im Fernsehen diese Rolle übernommen.

Fotos aufnehmen oder Aufnahmen machen?

Das Spannungsfeld zwischen Subjektivität und Objektivität ist fundamental für die Fotografie. Zwischen diesen beiden Polen liegt die Wahrheit der Fotografie. 

Im Englischen gibt es die treffende Unterscheidung zwischen „to make a picture“ und „to take a picture“, also Fotos im kreativen Sinne machen und gestalten oder Fotos von einer vorgegebenen Situation aufnehmen. Der US-amerikanische Fotograf Ansel Adams brachte es so auf den Punkt:

„You don’t take a photograph, you make it“.

You do not take a Photograph, you make it.
Leuchttafel im Maison Européenne de la Photographie, Paris

Beim Aufnehmen eines Fotos (englisch: take a photograph) eignet sich der Fotograf das fotografierte Objekt im übertragenen Sinne an. Die Aufnahmen der Straßenfotografie oder Pressefotografie durchbrechen die Schranken der Privatsphäre und dringen in das Leben der fotografierten Menschen ein. Das Aufgenommene wird zum Objekt und Eigentum des Fotografen. Menschen werden so gezeigt, wie sie sich selbst nie sehen können oder zeigen würden, entsprechend dem Menschenbild des Fotografen.

Melvin Sokolsky: Modefoto für Harpers Bazaar, 1963
Melvin Sokolsky: Modefoto für Harpers Bazaar, 1963

Fotokünstler schaffen ihre eigenen Welten und vermitteln Botschaften und Ideen. Wie ein Bühnenbild arrangieren sie die Realität entsprechend ihren kreativen Ideen und Vorstellungen. In der kreativen oder inszenierten Fotografie entstehen Fotos (englisch: make a picture) im Sinne eines gestalterischen Vorgangs, bei dem Komposition und Erzählen im Vordergrund stehen. Der Fotograf wird zum Gestalter der Situation bis hin zur vollständigen Inszenierung und Kontrolle der Aufnahme.

Einige herausragende Fotografen haben mit innovativen Sichtweisen die Ästhetik der Fotografie immer wieder neu geprägt. Die beste Antwort auf die Frage, ob Fotografie Kunst ist, lautet: „Fotografieren ist keine Kunst. Aber eine Fotografie kann ein Kunstwerk sein“. Damit ist alles gesagt. Basta.

Fotografie erhält Bedeutung

Der Verwendungszweck von Fotografien war einem ständigen Wandel unterworfen. Die ersten Porträts wurden in Fotoalben gesammelt und dienten rein privaten Zwecken. Am Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Fotografie zum Kunstwerk und schmückte die Wände von Wohnungen und Galerien. Fotografie wurde zunehmend öffentlich und für alle sichtbar. Auch Zeitungen druckten am Anfang des 20. Jahrhunderts hin und wieder fotografische Aufnahmen zu wichtigen lokalen Ereignissen. 

Life, erste Ausgabe 1936, Titelbild von Margarete Bourke-White
Life, erste Ausgabe 1936, Titelbild von Margarete Bourke-White

Nachrichtenmagazine und Modemagazine wurden insbesondere in den 1930er Jahren ausgehend von den USA sehr populär. Fotografie wurde jetzt allgegenwärtig und überall sichtbar. Auch Kunstmuseen veranstalteten erste fotografische Ausstellungen.

In der großen der Zeit der journalistischen Pressefotografie starteten in den 1950er Jahren weltweit zahlreiche neue Magazine, die auf die Fotografie als wichtigstes Kommunikationsmittel setzten.

In dem Augenblick, in dem etwas fotografiert wird, verändert sich seine Bedeutung. Jedes auch noch so unscheinbare Motiv kann ein Zeitdokument werden und im Kontext seiner Entstehung einen historischen Moment oder ein nicht wiederholbares Ereignis festhalten.

Fotos sollen Aufmerksamkeit erzeugen. Das Repertoire der Bildsprache ist groß. Komposition, Farbe, Format, Größe, Bildausschnitt, Unschärfe, Blickrichtung sind gängige Gestaltungsmittel der Fotografie. Begleitende Texte können helfen, eine Fotografie zu verstehen. Andere Fotos stehen textlos für sich oder werden in Serien präsentiert. Im Kontext mit anderen Fotos können sich fotografische Erzählungen entwickeln.

Robert Capa: D-day-landings, Omaha Beach, Normandy, 1944
Robert Capa: D-day-landings, Omaha Beach, Normandy, 1944

Um ein Foto zu verstehen, muss der Betrachter den zeitlichen, kulturellen und historischen Zusammenhang der Aufnahme kennen. Erst in diesem Kontext erschließt sich der Sinn und Zweck, sowie die Bedeutung einer Aufnahme. Ein gutes Beispiel ist Robert Capa’s unscharfe Aufnahme von der Landung der Alliierten Truppen in der Normandie von 1944, die zu einem wichtigen Zeitdokument wurde.

Ein praktischer Hinweis kommt vom US-amerikanischen Mitbegründer der Fotografenagentur Magnum Photos Robert Capa, der meinte:

„Wenn deine Bilder nicht gut genug sind, dann warst du nicht nah genug dran.“

Der Fotograf – egal ob er digital oder analog arbeitet – kann jeden Teil der Bildentstehung beeinflussen, von der Aufnahme durch die Wahl der Kamera, des Objektivs, des Bildausschnitts, der Belichtungszeit oder der Blende, über grafische Effekte bis hin zu aufwändigen Druckverfahren und qualitätsvollen Fotopapieren. Auch das fotografierte Objekt kann arrangiert und in Szene gesetzt werden. Bei der Aufnahme können technische Hilfsmittel wie künstliche Beleuchtung die Bildgestaltung und Bildqualität beeinflussen. Anschließend wird das Foto solange bearbeitet bis alle ungewünschten Bildteile entfernt sind und Kontraste und Farben ihre beste Wirkung entfalten.

Der amerikanische Fotograf Edward Steichen stellte schon vor 100 Jahren fest:

„Tatsächlich ist jedes Foto von A bis Z eine Fälschung. Ein völlig sachliches, unmanipuliertes Foto ist praktisch nicht möglich. Letzten Endes bleibt es allein eine Frage von Maß und Können.“

Dies galt damals schon und gilt im digitalen Zeitalter und mittlerweile mit den Möglichkeiten der Künstlichen Intelligenz umso mehr.

Natürlich kann das interessante Motiv auch nur einfach da sein und muss nur noch vom Fotografen „abgeknipst“ werden, wie bei den angesagten Instagram Hotspots, wo massenhaft dasselbe Foto immer wieder neu entsteht.

Was einen guten Fotografen auszeichnet, ist, dass für ihn das Bild zunächst im Kopf entsteht und er es spontan umsetzt, indem er im richtigen Augenblick nur noch den richtigen Blickwinkel und die richtige Perspektive wählen muss.

Die Sichtweisen und Blickwinkel der Fotografie entwickelten sich mit den technischen Rahmenbedingungen von der starren horizontalen Perspektive mit dem direkten Blick auf die rückseitige Mattscheibe der Kamera, über die Bauchnabelperspektive der ersten Spiegelreflexkameras, zur Wahrnehmung auf Augenhöhe mit den modernen Sucherkameras. Heute werden Smartphones zum Fotografieren in jede Richtung geschwenkt und dabei meistens hochgehalten. Ein kontinuierlicher Perspektivwechsel, der die Wahrnehmung der Fotografie entscheidend mitprägte, vom verschämten und diskreten Blick nach unten zur offensiven Jagd nach dem besten Schnappschuss.