Wie die Farbe ins Foto kam

Fotos in Farbe waren schon im 19. Jahrhundert beliebt. Zunächst wurden die Aufnahmen von Hand koloriert oder ganzflächig eingefärbt. Seit den 1860er Jahren suchte man nach Verfahren, fotografische Abbildungen in Farbe entstehen zu lassen.

Daguerreotypie Porträts ca. 1850 mit Kolorierung
Daguerreotypie eines Ehepaars, koloriert, ca. 1845

Alle fotografischen Verfahren zeichnen grundsätzlich Helligkeitsunterschiede auf. Es gibt zunächst nur Hell und Dunkel in der fotografischen Technik. Um ein Farbbild zu erzeugen – egal ob digital oder analog – werden immer drei Teilbilder benötigt, die durch drei Farbfilter in den drei Grundfarben aufgenommen werden. Drei Farben reichen aus, um bei der Darstellung auf Papier oder einem Bildschirm wieder alle sichtbaren Farben durch Mischung entstehen zu lassen, nach einen ähnlichen Mechanismus, wie er auch im menschlichen Auge stattfindet.

Die Dreifarbenfotografie

Die ersten Verfahren zur Erzeugung von Farbfotos am Beginn des 20. Jahrhunderts nahmen drei einzelne Teilbilder, so genannte Farbauszüge, auf Schwarzweiß Fotoplatten auf, die durch drei Farbfilter in den Grundfarben Blau, Grün und Rot entstanden. Für die Betrachtung wurden die drei Einzelbilder in den drei Grundfarben übereinander gedruckt oder über drei Projektoren mit den entsprechenden Farbfiltern übereinander projiziert.

Sergei Michailowitsch Prokudin-Gorski
Sergei Michailowitsch Prokudin-Gorski: Russische Bauernmädchen, fotografiert mit einer Dreifarbenkamera, ca. 1910

Der russische Fotograf Sergei Michailowitsch Prokudin-Gorski (1863–1944) fotografierte ab 1905 mit seiner Dreifarbenkamera in Russland in offizieller Mission von Zar Nikolaus II. Mit seiner komplizierten Spezialkamera mit einem Wechselschlitten für die drei Fotoplatten entstanden in zehn Jahren knapp 10.000 Bilder. Prokudin-Gorski floh 1918 nach der Oktoberrevolution vor den Kommunisten nach Paris, wo er 1944 starb. Seine Erben vermachten 1948 die geretteten Farbfotos der amerikanischen Library of Congress.

Das aufwendige Verfahren der Dreifarbenfotografie auf drei separaten Fotoplatten blieb bis in die 1950er Jahre hauptsächlich für die qualitätsvolle Studiofotografie zum Anfertigen von Werbe- und Modeaufnahmen im Einsatz. Die Kameras für dieses hochspezialisierte Verfahren wurden von Spezialwerkstätten in Berlin und London angefertigt.

Eine wichtige und treibende Kraft für die Entwicklung von Farbmaterialien und Verfahren für deren Vervielfältigung war die Kinoindustrie, die bereits in den 1920er Jahren ebenfalls mit farbigen Aufnahmeverfahren mit Hilfe von Farbenteilerkameras experimentierte. Die drei Filmstreifen in den drei Grundfarben wurden mit dem Dye-Transfer-Verfahrens auf das endgültige Kinofilmmaterial umkopiert, ein Verfahren, das noch bis in die 1960er Jahre angewendet wurde.

The Wizard of Oz, Technicolor Spielfilm, 1939
The Wizard of Oz, Technicolor Spielfilm, 1939

Einen ersten großen Erfolg hatten die Technicolor Dreistreifen-Verfahren schließlich mit den abendfüllenden Spielfilmen The Wizard of Oz von 1939 (Abbildung ▲) und Vom Winde verweht aus demselben Jahr.

Zum Anfertigen von farbigen Papierbildern oder von farbigen Kinofilmen wurden in der Anfangszeit die drei Teilbilder der Farbauszüge in den subtraktiven Grundfarben Yellow, Magenta und Cyan wieder Schicht für Schicht übereinander gedruckt. Für das Drucken standen verschiedene Verfahren zur Verfügung wie der Offsetdruck, die Pinatypie oder die Dye Transfer Verfahren. Die ersten gedruckten Farbfotos in Zeitschriften wurden Anfang der 1930er Jahren veröffentlicht.

Autochrome Fotoplatten

Autochrome Aufnahme einer Straßenszene in Paris ca. 1910
Autochrome Farbplatte aus Paris, ca. 1910

Für die Amateurfotografie waren es die Gebrüder Lumière aus Frankreich, die 1907 mit ihren Autochrome Fotoplatten das erste kommerziell erfolgreiche farbfotografische Material auf den Markt brachten. Die Fotoplatten waren mit rot, grün und blau eingefärbten Stärke-Körnern aus Kartoffelmehl und einer Bromsilber-Gelatine-Emulsion versehen. Die Stärkekörnchen wirkten als rasterartige Farbfilter, wovon sich die Bezeichnung Kornrasterverfahren für diese Verfahren ableitete. 

Autochrome Platten im Musée départemental Albert-Kahn, 1910
Autochrome Platten im Musée départemental Albert-Kahn, 1910

Die Autochrome Fotoplatten blieben bis in die 1940er Jahren das erfolgreichste Farbverfahren der Fotografie. Der Pariser Bankier und Philanthrop Albert Kahn baute mit seiner Sammlung von Autochrome-Platten der von ihm von 1909 bis 1931 in viele Länder ausgesandten Fotografen ein völkerversöhnliches „Archiv des Planeten” auf. Die 72.000 (!) Bilddokumente aus zahlreichen Ländern sind heute im Musée départemental Albert-Kahn in Boulogne-Billancourt bei Paris archiviert und stellen ein einzigartiges Zeitdokument von farbfotografischen Aufnahmen aus zahlreichen Ländern und Kulturen dar. Sie sind auch im Internet als „Archive de la Planète“ verfügbar.

Diese und einige weitere frühe Verfahren der Farbfotografie wurden von 1900 bis ca. 1950 angewendet, bis sie von neuartigen, einfacher zu handhabenden mehrschichtigen Farbmaterialien wie dem Kodachrome oder Agfacolor abgelöst wurden.

Auch wenn Farbfotos in den 1930er Jahren bereits Einzug fanden in die Illustrierte Presse, konnten sie doch lange Zeit nicht gegen die etablierte Schwarzweiß Ästhetik „anstinken“. Erst in den 1970er Jahren fand ein Umdenken in vielen Bereichen der Fotografie statt. Fotografen, die bis dahin bevorzugt in Schwarzweiß fotografiert hatten, begannen die Möglichkeiten der Farbfotografie zu erkunden.

Der italienische Fotograf Frank Horvat stellte in den 1980er Jahren ganz lapidar fest:

„Und vor allem: Die Fotografie ist heute in Farbe, Ende der Diskussion. Schwarzweiß ist zu gekünstelt geworden.“

Der Kodachrome

Kodachrome war der Markenname eines legendären von 1935 bis 2009 produzierten Farbumkehr- bzw. Diafilms des US-amerikanischen Unternehmens Kodak. Wahrscheinlich ist er auch der einzige Farbfilm, der von einem Popstar in einem Welthit besungen wurde (Paul Simon: „Kodachrome“).

Charles Weever Cushman: Everyday Life of the U.S, 1940
Charles Weever Cushman: Everyday Life of the U.S, 1940

Musikalisch waren auch die Erfinder des Kodachrome Filmmaterials. Es waren die beiden Musiker Leo Godowsky jun. und Leopold Mannes, die als Kodak-Mitarbeiter im Forschungslabor das neue Material bis zur Produktionsreife entwickelten. Der Kodachrome wurde nach der Markteinführung in verschiedenen Einsatzgebieten auch von namhaften Schwarzweißfotografen wie Ansel Adams, Walker Evans oder Edward Weston getestet, was seine herausragende Qualität belegen sollte. Der Fotograf Charles Weever Cushman machte im Auftrag von Kodak 17.000 Aufnahmen vom amerikanischen Alltagsleben.

Werner Bischof: Berlin, 1945
Werner Bischof: Berlin, 1945 (aus einer Reportage des Schweizer Fotografen über das zerstörte Deutschland)

Erste Illustrierte Zeitschriften wie National Geographic, Vogue oder Harper’s Bazaar druckten seit dem Ende der 1930er Jahre hin und wieder Farbfotos, die mit den neuen Kodachrome Materialien aufgenommen worden waren. Im damals bedeutenden und stilprägenden journalistischen Bereich waren Farbaufnahmen allerdings noch lange Zeit eher verpönt. Auch wenn viele Magazine wie Life oder Look von Beginn an für eine interessantere grafische Gestaltung in Farbe gedruckt wurden, blieben schwarzweiße Reportagen bei den Redaktionen weiterhin Standard. Ausnahmen bildeten in den 1950er Jahren Reportagen von Fotografen wie dem Schweizer Fotojournalisten Werner Bischof oder dem aus Österreich stammenden Ernst Haas, sowie der US-amerikanischen Fotojournalisten Helen Levit und Marvin Newman.

Nur im Bereich der Mode, Gesellschaftsfotografie und Werbung setzten sich Farbaufnahmen eher durch.

Erwin  Blumenfeld, Aufnahme auf Kodachrome, 1954
Erwin Blumenfeld, Aufnahme auf Kodachrome, 1954

Die Qualität des Kodachrome blieb bis zum Einstellen der Produktion 2009 unerreicht. Das Filmmaterial wurde sowohl in der Kleinbildfotografie für Farbidas eingesetzt, als auch in der Studiofotografie mit Großformatkameras oder bei Kinofilmen. In den 1940er und 1950er Jahren entstanden vor allem Modefotos und erste Reportagen. Bis heute spektakulär sind die manchmal surrealistisch anmutenden Modefotos von Erwin Blumenfeld, die für die Zeitschrift Vogue entstanden. 

Farbfotografie als Standard in der Amateurfotografie

Für den Amateurbereich waren Farbmaterialien seit den 1940er Jahren vor allem als Super-8 Filme oder Diafilme im Kleinbildformat verfügbar. Beide waren ausschließlich für die Projektion bestimmt. Farbbilder auf Papier waren noch nicht sehr verbreitet. Der noch unerschlossene Markt für Farbbilder erforderte neue Farbnegativ- und Positivmaterialien, die gut auf einander abgestimmt und in Großlaboren leicht zu verarbeiten waren.

Kodak Instamatic 100, 1963
Kodak Instamatic 100, 1963

1963 brachte der US-amerikanische Hersteller Kodak die Instamatic Kamera auf den Markt, die die Farbe endgültig in der Amateurfotografie etablierte.

Um die Instamatic Kameras bedienungsfreundlicher zu machen, befand sich das Filmmaterial in einer geschlossenen Kassette mit der Typenbezeichnung 126 für das quadratische Aufnahmeformat von 28,6 mm x 28,6 mm. Das Wechseln der Filme war jetzt absolut narrensicher. Für die mit 50 Millionen verkauften Geräten sehr erfolgreiche Instamatic-Kamera Serie waren ausschließlich Farbfilme verfügbar. Bis in die 1970er Jahre hinein wurden 100 Kameramodelle mit insgesamt 50 Millionen Geräten von Kodak produziert, was die Instamatic zur erfolgreichsten Kameraserie der Geschichte machte.

Die Farbnegativfilme konnten in spezialisierten Fotolaboren als Farbfotos abgezogen werden. Nun setzten auch andere große Fotokonzerne wie Agfa und Fuji in der Amateurfotografie vermehrt auf Farbmaterialien.

Für das Anfertigen der Abzüge wurde chromogen arbeitendes Fotopapier kurz C-Print verwendet. Drei Farbschichten im Fotopapier erzeugten die entsprechenden Farbstoffe während der Entwicklung. Die chromogenen Papiere blieben bis in das digitale Zeitalter als wichtigste Bildträger für Farbbilder erhalten.

Die Anerkennung der Farbfotografie

Bis in die 1970er Jahre hinein wurde die Farbfotografie von den meisten professionellen Fotografen allerdings eher gemieden und als amateurhaft abgetan. Farbfotos wurden mit Reklame und Werbung, bestenfalls noch mit Modefotografie assoziiert. Wer künstlerisch arbeitete, fotografierte weiterhin in Schwarzweiß.

Erste Fotokünstler, die sich bereits in den 1950er und 1960er Jahren intensiv mit der Farbfotografie beschäftigten, aber keine Beachtung fanden, waren der US-Amerikaner Saul Leiter mit seinen poetischen New York Aufnahmen und der deutsche Walter Boje mit seinen legendären Ballettfotos.

William Egglestone, 1978
William Egglestone, 1976

Erst 1976 setzte endlich eine große Einzelausstellung im Museum of Modern Art in New York mit Farbfotografien des US-amerikanischen Fotografen William Eggleston ein Signal zur Anerkennung der Farbfotografie als gleichwertigem Medium der Fotografie. Zum ersten Mal wurden Farbfotos in einem Tempel der Kunst als eigenständige Kunstwerke präsentiert. Diese Ausstellung mit dem Titel „Photographs by William Eggleston“ löste einen Dammbruch und viele kontroverse Diskussionen aus. Aber letztendlich ebnete sie der künstlerischen Farbfotografie den Weg und machte aus der Schwarzweißfotografie bald eine Nischenanwendung für nostalgische Nerds.

John Margolies: amerikanischer Vorort, 1978
John Margolies: amerikanischer Vorort, 1978

New American Color Photography wurde der Name der Bewegung, der 1976 nach der Ausstellung von William Eggleston im Museum of Modern Art in New York geprägt wurde. Neben Eggleston sprengten in den späten 1960er und 1970er Jahren auch die Fotografen Joel Sternfeld, Stephen Shore, Joel Meyerowitz, Alex Webb und Richard Misrach als wichtigste Vertreter der New Color Photography die Grenzen der Fotografie durch den gezielten Einsatz von Farbe als wichtigstem Gestaltungselement. Weitere wichtige Protagonisten der Zeit waren die ebenfalls US-amerikanischen Fotografen William Christenberry, Marie Cosindas, Mitch Epstein, Robert Herman, Fred Herzog und John Margolies (Abbildung). Sie alle konzentrierten sich auf das zeitgenössische Leben und die rohen Dimensionen der Vorstädte. Sie folgten den Spuren des amerikanischen Traums.