Eine wichtige Neuerung in der darstellenden Kunst wurde in der Mitte des 19. Jahrhunderts durch eine Besonderheit der Fotografie eingeleitet. Lange Belichtungszeiten und große Blendenöffnungen führten häufig zu unscharfen oder verwischten Bereichen in den Aufnahmen oder zu komplett unscharfen Fotos.
Die Unschärfe als Stilmittel war neu und Maler begannen ebenfalls den Effekt zu simulieren. Nicht nur die Landschaftsmaler der Schule von Barbizon oder die impressionistische Malerei arbeiteten mit der Unschärfe als Stilmittel zum Erzeugen von Stimmungen, auch Porträtmaler experimentierten jetzt mit unscharfen und verschwommenen Hintergründen in ihren Porträts.

Mit der Zeit wurden die fotografischen Techniken verbessert und machten eine bewusste Steuerung der Schärfe möglich. Die Schärfe einer Fotografie wurde jetzt zu einem wichtigen Qualitätsmerkmal.
Wie viel oder wie wenig Schärfe eine fotografische Aufnahme erforderte, wurde kontrovers diskutiert. Die englische Fotografin Julia Cameron setzte bei ihren Porträts ganz bewusst die Unschärfe ein und wurde dafür scharf kritisiert. Die künstlerische Unschärfe wurde schließlich aber zu einem wichtigen Stilelement der Fotografie des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Vor allem die Fotografen des Piktorialismus arbeiteten gerne mit schemenhaften Landschaften und Stimmungen.

Kürzer werdende Belichtungszeiten und leistungsfähige Verschlüsse machten ab 1890 auch das Fotografieren von sich bewegenden Objekten möglich. Jetzt konnte auch die Bewegungsunschärfe ganz bewusst als Stilmittel eingesetzt werden – oder auch nicht.
Die Unschärfe in der Fotografie hat verschiedene Ursachen:
- Bewegungsunschärfe kann durch sich schnell bewegende Objekte verursacht werden, wenn die Belichtungszeit nicht kurz genug ist, oder als „Verwacklungsunschärfe“ durch ein unbeabsichtigtes oder auch gewolltes Bewegen der Kamera während der Belichtung. Verschlusszeiten von weniger als 1/100 s ermöglichten am Ende des 19. Jahrhunderts zum ersten Mal das Einfrieren einer Bewegung, bis hin zu gestochen scharfen Aufnahmen von galoppierenden Pferden, die 1884 mit 1/1000 s aufgenommen wurden. Mit der Einführung von Handkameras In den 1920er Jahren wurden Unschärfeeffekte durch Verwackeln oder Verreißen der Kamera bei der Aufnahme verwendet.
- Optische Unschärfe verursacht im einfachsten Fall unscharfe Fotos durch eine nicht angepasste Fokuseinstellung. Durch die gezielte Verwendung von Hintergrundunschärfe bei Porträts wird das so genannte Bokeh (abgeleitet vom japanischen Begriff „boke“ für Unschärfe) erzeugt. Weitere optische Effekte sind die Vignettierung (Abdunklung am Bildrand) oder die Explosionsunschärfe durch beabsichtigtes Defokussieren während der Belichtung.
- Materialbedingte Unschärfe entsteht durch Körnigkeit des Aufnahmematerials, Faserstrukturen des Fotopapiers oder die Verpixelung einer digitalen Aufnahme bei mangelhafter Auflösung des Bildsensors.
