Ausstellungen der Fotografiegeschichte

Die Geschichte der Fotografie wurde durch eine Reihe bedeutender Fotoausstellungen geprägt, die sowohl die Entwicklung der Fotografie als Kunstform als auch ihre gesellschaftliche Bedeutung gefördert haben.



Royal photographic society, 1858
Royal photographic society, 1858

Die ersten Fotoausstellungen der Geschichte wurden bereits ab 1850 von den zahlreichen, weltweit bestehenden Fotoclubs organisiert. Insbesondere in der Zeit der Kunstfotografie, die ab 1890 Fahrt aufnahm, gab es große Vereinsausstellungen, die die Fotos ihrer Mitglieder zeigten, vor allem in den Metropolen London, Paris, Wien, New York. In Wien waren es die Salons von 1888, 1891 und 1892. In London veranstaltete die Vereinigung Linked Ring 1893 eine große Ausstellung der Kunstfotografie. Der Photo Club de Paris organisierte im Januar 1894 einen der aufwendigsten und internationalsten fotografischen Salons des späten neunzehnten Jahrhunderts unter der Bezeichnung „Première Exposition d‘Art Photographique“.

1926 organisierte die Galérie surréaliste in Paris eine erste Ausstellung des Fotografen Man Ray. Der Pariser Fotograf Man Ray war ein zentraler Akteur der Avantgarde-Bewegung mit seiner innovativen Verwendung von Fotogrammen (Rayographien), Solarisation und surrealistischen Motiven. Diese Ausstellung beeinflusste die Entwicklung der surrealistischen Fotografie der 1920er und 1930er Jahre, die vor allem in der Modefotografie eine breite Anwendung fand.

Sozialdokumentarische Themen in der Fotografie standen zunächst vor allem in den USA im Vordergrund. Hier wurden Fotos zu einem Instrument der politischen Botschaft im Kampf gegen gesellschaftliche Ungerechtigkeiten, wie zum Beispiel der Kinderarbeit, die der amerikanische Fotograf Wickes Hine bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts fotografisch in das Bewusstsein der Öffentlichkeit brachte.

Das Museum of Modern Art (MoMA) in New York zeigte seit 1937 einige einflussreiche Fotoausstellungen. Durch seine frühen Ausstellungen und seine Unterstützung für zahlreiche Fotografen durch Aufkäufe hat das Museum die Entwicklung der Fotografie nachhaltig geprägt und zu ihrer Kommerzialisierung am Ende des 20. Jahrhunderts beigetragen.

Seit 2000 hat die Museumspräsenz der Fotografie weltweit stark zugenommen, wie Fotoausstellungen von Nan Goldin in der Neuen Nationalgalerie Berlin, Zanele Muholi in der Londoner Tate Modern oder Wolfgang Tillmans im MoMA in New York belegen.

Die wichtigsten Fotoausstellungen der Geschichte

Vor allem folgende wichtige Ausstellungen haben die Wahrnehmung und Rolle der Fotografie in der Kunst- und Gesellschaftsgeschichte maßgeblich geprägt. Sie verdeutlichen beispielhaft, wie sich das Medium über die Jahre hinweg von einer rein dokumentarischen Technik zu einer anerkannten Kunstform entwickelt hat.

1929: FIFO – Film und Foto (Stuttgart)

Die mittlerweile legendäre Ausstellung Film und Foto, kurz FiFo, die der Deutsche Werkbund 1929 in Stuttgart zusammenstellte und die anschließend in zahlreichen europäischen Städten (Berlin, München, Zürich, Basel, Wien, Zagreb) und schließlich 1931 noch in Japan (Tokio und Osaka) gezeigt wurde, gilt als Höhe- und Wendepunkt moderner Fotopräsentation, als ein Manifest der Fotoavantgarde.

Film und Foto, 1929

991 Werke von 180 Fotografen und Institutionen wurden in Stuttgart gezeigt. Allein Moholy-Nagy, dem geistigen Mentor der Schau, war ein Raum mit 97 seiner Fotos gewidmet. Bereits im ersten Monat (Mitte Mai bis Mitte Juni 1929) strömten 10 000 Menschen in die Ausstellung und die Medienberichterstattung war umfassend. Zwei unabhängig von der Schau produzierte Bücher (Werner Gräff: Es kommt der neue fotograf! und Franz Roh und Jan Tschichold: Foto-Auge, beide 1929) verbreiteten die Ideen der Schau. Unter den Fotografen waren Herbert Bayer, Aenne Biermann, Max Burchartz, Hugo Erfurth, Florence Henri, Hannah Höch, André Kertész, Germaine Krull, Helmar Lerski, Alice Nerlinger, Paul Outerbridge, Albert Renger-Patzsch, Alexander Rodtschenko, Kurt Schwitters, Sasha Stone, Umbo oder Yva.

1937: Photography 1839 – 1937 (MoMA)

Der amerikanische Kurator Beaumont Newhall versuchte anlässlich einer Ausstellung im Museum of Modern Art 1937 in New York unter dem Titel „Photography: 1839 – 1937“ zum 100-jährigen Jubiläum der Fotografie zum ersten Mal, die Bilder, ihre Technik und die äußeren Umstände, die sie bedingen, in einer Gesamtschau zu verbinden. Die Ausstellung war die erste große Ausstellung ihrer Art in einem bedeutenden Kunstmuseum. Sie legte den Grundstein für die systematische Erforschung der Fotografiegeschichte und machte das MoMA zum Pionier der Fotografie als Kunst.

Photography 1839 - 1937, MoMA, New York, 1937
Photography 1839 – 1937, MoMA, New York, 1937

Diese legendäre Ausstellung zeichnete die Entwicklung der Fotografie von einer technischen Erfindung zu einem künstlerischen Medium nach. Der damalige Chef der Fotoabteilung Beaumont Newhall organisierte 1937 die Retrospektive mit Aufnahmen von Fotografen wie Nicéphore Niépce, Louis-Jacques-Mandé Daguerre, Henry Fox Talbot, Hill & Adamson, Maxime Du Camp, H. Le Secq, Hippolyte Bayard, Roger Fenton, Charles Marville, Matthew Brady, Etienne Carjat, Julia Margaret Cameron, Eadweard Muybridge, Eugene Atget, Alfred Stieglitz, Minor White, Berenice Abbott, Ansel Adams, Cecil Beaton, Margaret Bourke-White, Brassaï, Louise Dahl-Wolfe, Hugo Erfurth, Walker Evans, François Kollar, George Platt Lynes, Lázsló Moholy-Nagy, Man Ray, Charles Sheeler, Edward Steichen, Ralph Steiner, Paul Strand, Edward Weston, Paul Wolff, Ylla und anderen.

1951: Subjektive Fotografie (Saarbrücken)

Die Erneuerung der Fotografie im Deutschland nach dem zweiten Weltkrieg wurde vom deutschen Fotografen Otto Steinert (1915–1978) angestoßen. Er gründete die Gruppe fotoform, die an die Zeit und den Stil des Bauhauses der 1920er Jahre anknüpfte.

Die Gruppe fotoform organisierte 1951 die erste Ausstellung der Subjektiven Fotografie in Saarbrücken. Die Subjektive Fotografie verstand sich ausdrücklich als künstlerische und experimentelle Fotografie. Die Subjektive Fotografie will nicht die objektive Wirklichkeit wiedergeben, sondern nur deren bildhafte Deutung durch die subjektive Interpretation des Betrachters. Die Subjektive Fotografie arbeitet mit abstrakten Formen, graphischen Strukturen, Linien von Licht und Schatten. Wichtige Vertreter der Strömung der Subjektiven Fotografie waren Kilian Breier, Chargesheimer, Carl Strüwe und Ludwig Windstosser, ebenso wie der Schweizer Fotograf René Groebli.

1953: Always the Young Strangers (MoMA)

Unter dem Titel „Always the Young Strangers“ wurde am 26. Februar 1953 eine Ausstellung mit Werken von rund 25 jungen amerikanischen Fotografen eröffnet, die noch nie zuvor im Museum of Modern Art gezeigt wurden, wie Saul Leiter, Marvin E. Newman oder Yasuhiro Ishimoto.

Der Titel der Ausstellung wurde zu Ehren des Schriftstellers Carl Sandburg zu seinem 75. Geburtstag gewählt. Die Ausstellung mit 3 bis 6 Abzügen von jedem Fotografen wurde von Edward Steichen, Direktor der Abteilung für Fotografie des Museums, organisiert. Gezeigt wurden sowohl Farb- als auch Schwarzweißdrucke und Dias.

1955: The Family of Man (MoMA)

Kuratiert vom amerikanischen Fotografen Edward Steichen, war „The Family of Man“ eine der bekanntesten und einflussreichsten Fotoausstellungen in der Geschichte des MoMA und der Geschichte der Fotografie insgesamt. Die Ausstellung zeigte 503 Fotografien von 273 Fotografen aus 68 Ländern und betonte universelle menschliche Erfahrungen wie Geburt, Liebe und Tod. Die Bilder wurden thematisch gruppiert und in einem narrativen, fast filmischen Stil präsentiert, um eine emotionale und einheitliche Botschaft über die gemeinsame Menschlichkeit zu vermitteln.

Die Ausstellung war ein globales Phänomen und tourte durch die ganze Welt. Sie beeinflusste die Art und Weise, wie Fotografie in der Zukunft präsentiert und genutzt wurde, um universelle Themen zu kommunizieren. „The Family of Man“ spielte eine entscheidende Rolle bei der Popularisierung der Fotografie als Medium zur Erfassung menschlicher Erfahrungen. Gezeigt wurden unter anderem Aufnahmen von Fotografenlegenden wie Elliott Erwitt, Irving Penn, Alfred Eisentaedt, Ruth Orkin, Willy Ronis, Barbara Morgan, Robert Doisneau, Lisette Model und Esther Bubley.

Nach einer Reise durch mehr als 150 Museen weltweit ist die letzte vollständige Version von „The Family of Man“ seit 1994 als Dauerausstellung im Schloss von Clervaux in Luxembourg untergebracht. Seit ihrer Schaffung hat die Ausstellung über 10 Millionen Besucher angezogen und ging als legendär in die Geschichte der Fotografie ein. 2003 wurde sie in das Weltdokumentenerbe der UNESCO aufgenommen.

1967: New Documents (MoMA)

Die Ausstellung New Documents, kuratiert von John Szarkowski, präsentierte die Arbeiten von drei Fotografen: Diane Arbus, Lee Friedlander und Garry Winogrand. Sie markierte einen Wendepunkt in der fotografischen Dokumentation, indem sie von der sozialdokumentarischen Tradition der 1930er Jahre abwich und stattdessen einen subjektiveren, persönlicheren Blick auf das Alltagsleben präsentierte. Die Fotografen schufen Bilder, die eher als Dokumentation der persönlichen Wahrnehmung denn als rein objektive Darstellungen der Realität verstanden wurden.

MoMA New Documents, 1967

New Documents markierte einen Wendepunkt in der Geschichte der amerikanischen Fotografie. Was Szarkowski in den drei Künstlern erkannte, war eine gemeinsame Faszination für das Alltägliche und eine neuartige Anwendung einer dokumentarischen Sprache. Ihre Überzeugung, dass die Schwächen und Unvollkommenheiten des Lebens es wert sind, untersucht zu werden, ist auch heute noch eine Prämisse.

1971: Walker Evans (MoMA)

Walker Evans war einer der einflussreichsten amerikanischen Fotografen des 20. Jahrhunderts. Die große Ausstellung von 1971 im MoMA New York bot eine umfassende Retrospektive seiner Arbeit noch zu seinen Lebzeiten nach ersten Ausstellungen im MoMA von 1962 und 1938. Eine weitere große Retrospektive folgte 2013.

Walker Evans: American Photographs
Walker Evans: American Photographs

Evans‘ Fotografien, die das Leben der amerikanischen Arbeiterklasse und die Armut während der Great Depression dokumentierten, hatten einen tiefen Einfluss auf die sozialdokumentarische Fotografie. Walker Evans nahm eine Vorreiterrolle in der Fotografie des „dokumentarischen Stils“ ein. Viele Fotografen der 1960er- und 70er Jahre wie Helen Levitt, Robert Frank, Diane Arbus und Lee Friedlander wurden durch ihn stark beeinflusst.

1975: New Topographics – Photographs of a Man altered Landscape (Rochester)

Die 1975 im George Eastman House in Rochester, New York, durchgeführte Ausstellung mit dem Titel „New Topographics: Photographs of a Man altered Landscape“ (Neue Topographien: Fotografien der vom Menschen veränderten Landschaft) gilt als Geburtsstunde der „neuen Topografie“, die einen dokumentarischen Ansatz mit einer ästhetischen Distanz verband und das Verhältnis des Menschen zur Umwelt kritisch reflektierte.

Der Kurator William Jenkins präsentierte in dieser Schau Werke von Robert Adams, Lewis Baltz, Bernd und Hilla Becher, Joe Deal, Frank Gohlke, Stephen Shore und Henry Wessel.

1976: Photographs by William Eggleston (MoMA, New York)

1976 wurden farbige Fotografien von William Eggleston im Museum of Modern Art in New York ausgestellt. Diese Ausstellung galt als Durchbruch für die künstlerische Anerkennung der Farbfotografie.

Die Ausstellung unter dem Titel „Photographs by William Eggleston“ mit 75 Aufnahmen wurde zusammengestellt von John Szarkowski, dem damaligen Direktor der Abteilung für Fotografie, der auch Autor einer vollständig illustrierten Monografie war, dem „William Eggleston’s Guide“. In seinen Arbeiten ist die Rolle der Farbe mehr als nur beschreibend oder dekorativ, sondern nimmt einen zentralen Platz in der Definition des Bildinhalts ein.

1977: documenta 6 (Kassel, Deutschland)

Die documenta 6 in Kassel war 1977 die erste documenta, die der Fotografie einen größeren Raum einräumte.
Besonders hervorzuheben ist die Präsentation der Fotografien von Bernd und Hilla Becher, deren typologische Fotografien von Industriebauten die Fotografie als ernstzunehmendes Medium der künstlerischen Dokumentation etablierten. Ihr Einfluss auf die Düsseldorfer Fotoschule und Fotografen wie Andreas Gursky, Thomas Struth und Candida Höfer ist bedeutend.

1997: Cindy Sherman – Retrospective (MoMA)

Diese große Retrospektive zeigte das Werk der Fotografin Cindy Sherman, die durch ihre inszenierten Selbstporträts bekannt wurde, in denen sie sich in verschiedene Rollen und Identitäten verwandelte. Sherman hinterfragte in ihren Bildern Konzepte wie Geschlecht, Identität und die Rolle der Frau in der Gesellschaft. Die Ausstellung deckte ihre Karriere von den 1970er Jahren bis zu den späten 1990er Jahren ab und präsentierte ikonische Serien wie die „Untitled Film Stills“ (1977–1980).

Diese Ausstellung hob die Bedeutung der konzeptuellen Fotografie und der Inszenierung in der Kunstfotografie hervor. Sherman wurde zu einer der wichtigsten und teuersten Künstlerinnen ihrer Generation. Die Ausstellung zeigte die elementare Rolle der Fotografie bei der Schaffung von Identität.